Prof. Dr. Thorsten Burmester
"Habt keine Angst! Professoren sind auch Menschen"
Interview: Myria Schröder

Zur Person
Herr Prof. Dr. Thorsten Burmester studierte Biologie an der Uni Würzburg. Er verbrachte seine Postdoc-Zeit am Institut Jacques Monod an der Universität Paris VII und habilitierte 2001 im Fachbereich Zoologie an der Uni Mainz. 2006 folgte er dem Ruf an die Universität Hamburg und besetzt dort eine Professur für Molekulare Tierphysiologie.
Sie haben eine Professur für molekulare Tierphysiologie und beschäftigen sich beispielsweise mit der Stresstoleranz von Säugern und Fischen. Können Sie uns kurz etwas über ihr Forschungsprojekt erzählen?
Bei uns ist es ein bisschen ungewöhnlich, dass wir sehr breit arbeiten. Wir untersuchen viele Organismen: Fische, normale Landsäugetiere, bis hin zu Walen. Natürlich können wir keine Wale halten, wir haben kein Walaquarium auf dem Dach.
Damit steigen wir doch gleich bei den Walen ein. Uns interessiert generell das Gehirn und wie es das Gehirn schafft, unter bestimmten Stressbedingungen bei tauchenden Lebewesen wie Walen und Robben den Sauerstoffmangel zu überleben. Wenn unser Gehirn zum Beispiel unter Sauerstoffmangel gerät, dann funktioniert es nach 3-5 Minuten nicht mehr. Ein Wal kann, je nach Art, ein bis zwei Stunden locker unter Wasser bleiben. Da gibt es morphologische und physiologische Anpassungen. Uns interessiert, was tatsächlich in der Zelle passiert. Welche besonderen Gene, und Proteine werden zum Schutz exprimiert? Wie sind die Aufgaben zwischen den Zellen verteilt? Welche Unterschiede gibt es im Vergleich zu landlebenden Tieren? Im Bereich des Sauerstofftransportes interessieren uns die Sauerstoffversorgungsproteine. Das sind zum einen die Globine wie zum Beispiel Hämoglobin, Myoglobin und Neuroglobin. Bei Wirbeltieren gibt es 8 verschiedene Globine, der Mensch hat nur 5 verschiedene. Diese Globine werden in verschiedenen Geweben hergestellt und scheinen etwas mit der Stresstoleranz unter Sauerstoffmangel zu tun zu haben.
Viele Studenten sind meist schon mit einem Forschungsbereich ausgelastet. Sie forschen unter anderem auch noch zu Evolution, Bedeutung respiratorischer Proteine, der Pathogenität der Malariaerreger und der Stammesgeschichte der Häutungstiere. Wie können Sie so viele Forschungsprojekte gleichzeitig bearbeiten?
Wir bearbeiten mit Sicherheit hier nicht alles gleichzeitig. Oft hat es historische Gründe, dass man von einem zum anderen Thema gekommen ist: Ich kannte mich relativ früh mit den phylogenetischen Methoden aus, dann war es ein kleiner Schritt von diesen Fragen zu den größeren stammesgeschichtlichen Fragestellungen zu kommen. Das alte Thema, in dem man sich sehr gut auskennt, kann man noch nicht richtig loslassen, während etwas neues Spannendes dazukommt. Das kostet Kraft. Darum haben wir die Arthropodenforschung nun langsam heruntergefahren. Manchmal kommt man aber auch auf die alten Themen wieder zurück.
Was fasziniert Sie persönlich an dem evolutiven Hintergrund & den molekularen Mechanismen von verschiedenen Anpassungsstrategien im Tierreich?
Woher kommt das eigentlich? Irgendwann muss ein Wal einmal ins Wasser gegangen sein. Irgendwann muss ein Malariaerreger einen Primaten umgebracht haben. Warum ist das so? Was ist in der Zelle anders geworden, dass ein Wal nicht nur 5 Minuten, sondern 20 Minuten, eine halbe Stunde und bis 2 Stunden im Wasser bleiben kann?

Prof. Burmester untersucht unter anderem die Stresstoleranz von Fischen
Wir betreiben natürlich Grundlagenforschung und wir werden nicht mit unseren Ergebnissen morgen Malaria heilen können. Aber unsere Ergebnisse können anderen Disziplinen interessante Ansätze für ihre Forschung liefern. Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen, dass die Erkenntnisse der Stresstoleranz bei Walen unter Sauerstoffmangel in der Forschung der Schlaganfallpatienten Ideen liefern könnten. Genauso schauen wir auch nach anderen bereits erforschten Grundlagen.
Was, glauben Sie, war Ihr größter Erfolg?
Erfolg ist immer schwierig. Eigentlich liebt man ja alles und hat kein Stiefkind unter seinen Forschungen. So funktioniert auch keine Forschung. Das, was am bekanntesten meiner Entdeckungen ist, vielleicht auch bekannt bei denen, die mein Lehrbuch gelesen haben, ist das Neuroglobin, das im Gehirn exprimiert wird und, wenn man ehrlich ist, rein zufällig von mir entdeckt wurde. In der Folge kamen die anderen Globine dazu, von denen man z.T. schon in Schulbüchern lesen kann.
Wo wir gerade schon bei Erfolgen waren – was war ihr größter Misserfolg?
80-90% sind verrückte Ideen, die überhaupt nicht funktionieren. Es gibt da nicht einfach Misserfolge. Forschen ist Suchen. Für eine Idee gibt es viele verschiedene Wege und ein falscher Weg kann einen sogar zu etwas viel Spannenderes führen.
Sie waren als Postdoc-Aufenthalt am Institut Jaques Monod an der Universität Paris Denis-Diderot in Frankreich. Unterschied sich das Forschungsklima im Vergleich zu Ihrer deutschen Universität?
Ja. In Frankreich wurde viel mehr Wert auf Personal und weniger auf Technik gelegt. In Deutschland z.B. ist es viel schwieriger eine Doktorandenstelle finanziert zu bekommen als ein Gerät für 1 Millionen Euro. In Frankreich gab es auch mehr feste Stellen als in Deutschland. Das hat beides Vor- und Nachteile: In Deutschland, wo jeder sofort hinausgeschmissen wird, wenn es nicht so klappt oder einfach der Vertrag ausläuft, ist nicht gut. Aber wenn jemand für immer und ewig festangestellt bleibt, ob er arbeitet oder nicht, ist auch nicht gut. Ein weiterer Unterschied war, dass das Leben in Paris etwas anonymer ablief, dass man weniger zusammen gemacht hat und nicht wie eine erweiterte große Familie war.

Wie unterscheidet sich unser Gehirn von tauchenden Tieren?
Es kommt gar nicht so sehr auf den Ort an, sondern dass man gute Bedingungen hat. Es gibt an verschiedenen Orten interessante Leute mit denen ich zusammenarbeiten kann. Im Zeitalter des Internets, ich habe gleich um 15 Uhr einen Skype-Termin, ist es fast egal, wo man arbeitet.
Glauben Sie, dass die internationale Forschung in Zukunft noch viel mehr über den Computer und gar nicht mehr im direkten Kontakt laufen wird?
Es läuft schon so. Die Spezialisten sitzen weltweit verteilt und man kommuniziert viel übers Netz. Im Labor kann man natürlich nicht alles über das Internet machen, aber ein Bioinformatik-Programm z.B. läuft hier in Hamburg genauso wie in Honkong.
Was würden Sie jungen Menschen raten, die am Anfang Ihrer Karriere als BiowissenschaftlerIn stehen?
Lernt Englisch! Das ist fast das Wichtigste. Habt keine Angst! Professoren sind auch Menschen. Im Zweifelsfall mit ihnen reden. Ja, man kann auch Partys machen, das ist auch wichtig, aber nicht den ganzen Tag und die ganze Woche. Man sollte wissen, wo die Uni steht und wo die Bibliothek sich befindet nur um auch mal Ruhe zu haben. Bitte zwischendurch mal das Handy ausmachen. Zu wenig und zu viel Ehrgeiz ist beides schädlich. Sowohl die Leute, die sehr früh sagen, dass sie Professor werden wollen als auch die, die nichts tun kommen selten zum Ziel.
Wie können den junge Menschen wirklich herausfinden, welches Fachgebiet ihnen liegen könnte?
Einfach ausprobieren. In die Labore gehen. Praktika machen. Vieles spielt eine Rolle, warum man sich in einem Bereich wohl oder unwohl fühlt. Vielleicht sind es die Leute. Es ist wichtiger sich ein Thema zu suchen, was einem gefällt als sich auf ein Gebiet zu fokussieren von dem gesagt wird, dass es wichtig sei. Da geht die Zukunft hin.

,In Frankreich wurde viel mehr Wert auf Personal und weniger auf Technik gelegt.'
Ja, klar. Das passiert auch so. In der Regel können Studenten anfragen und in eines der Labore gehen. Oft können sie das als Laborpraktikum angerechnet kriegen und bekommen sogar Leistungspunkte dafür. Die Kollegen sind normalerweise auch sehr offen dafür.
Was war der beste Rat den sie je bekommen haben?
Ich kann es nicht wirklich sagen. Das beste Schritt, den ich getan habe und der mich auch persönlich am meisten voran gebracht hat, war, dass ich zu Beginn des Studiums in die Fachschaft gegangen bin. Dort habe ich mehr gelernt als im Studium selbst. Sich einfach in die Menschenmenge zu stellen und da keine Angst zu haben. Oder die vielen organisatorische Dinge, die ich dort gelernt habe.
Also man braucht Sozialkompetenz als Wissenschaftler?
Ja, das braucht man. Wissenschaftlern gegenüber besteht mitunter das Vorurteil, dass sie einen Hang zum Autismus haben oder gewisse soziale Defizite zeigen. Langfristig hat man auch als Wissenschaftler größere Chancen, wenn man sozial kompetente Fähigkeiten hat.
Lieber Herr Prof. Burmester, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
