Prof. Dr. Carsten Schulz
"Raubfische können sich vegan ernähren!"
Interview: Myria Schröder und Johann Schröder

Zur Person
Prof. Carsten Schulz absolvierte sein Grundstudium "Agrarwissenschaften" an der Martin-Luther-Universität Halle Wittenberg. In seinem Hauptstudium widmete er sich der Fischwirtschaft und Gewässerbewirtschaftung. Bevor er seine Doktorarbeit im Bereich der Aquakultur begann, war er zwei Jahre in der Futtermittelproduktionsindustrie als wissenschaftlicher Assistent tätig.
2003 wurde er Juniorprofessor für Aquakultur an der Humboldt-Universität zu Berlin. Seit 2007 ist er Professor für Marine Aquakultur an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und gleichzeitig wissenschaftlicher Leiter der Gesellschaft für marine Aquakultur mbH in Büsum.
Sie waren wissenschaftliche Hilfskraft am Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei in Berlin, Sie schrieben Ihre Diplomarbeit u.a. über den Zusammenhang zwischen Futterzusammensetzung und Fischwachstum und waren danach in der Futtermittelproduktion tätig. Was interessiert Sie so an der Aquakultur von Fischen?
Der Hintergrund, warum ich mich für die Aufzucht von Fischen unter kontrollierten Bedingungen, das ist die Definition von Aquakultur, so begeistere, ist sicherlich der, dass ich schon sehr früh an dieses Thema herangeführt wurde. Mein Vater hat damals Teiche gepachtet und darin Forellen gehalten. Ich habe gemeinsam mit ihm die Fische gefüttert und wir haben uns dann an dem Wachstum und Wohlergehen der Fische erfreut. Ich hatte auch eine Leidenschaft für Aquarien und bin zudem begeisterter Angler. Das Thema Aquakultur wurde allerdings auf akademischer Ebene vor der Wende in den Universitäten in Westdeutschland kaum bedient. Ich fand dies als Schüler etwas demotivierend, dass ich keinen Studiengang für meine Leidenschaft finden konnte. Ich hatte zwischendurch sogar überlegt, angewandte Biologie oder Brauereiwesen zu studieren.
Mit der Wende kamen dann aber einige Studiengänge aus dem damaligen Osten hinzu. An der Berliner Humboldt-Universität wurde der Studiengang "Fischwirtschaft und Gewässerbewirtschaftung" angeboten und war dann auch für mich zugänglich. Ich war hellauf über diesen Studiengang begeistert, da ich nun die Möglichkeit sah, meine Leidenschaft auf akademischer Ebene zu bedienen. Ich musste allerdings zuerst einmal ein viersemestriges Grundstudium in der Landwirtschaft absolvieren. Ich schloss dieses, wenn auch bei einigen Modulen etwas widerwillig, erfolgreich ab, um mich dann endlich mit den Fischen beschäftigen zu können. Natürlich habe ich dann auch in dem Bereich meine Diplomarbeit geschrieben.
Um auf die Ausgangsfrage zurück zu kommen: Mir gefällt, dass wir versuchen biologisches Wissen anzuwenden. Diese angewandte Seite der Naturwissenschaften ist etwas, dass mich immer schon fasziniert hat. Es ist für mich höchst interessant und herausfordernd, unabhängig von unseren natürlichen Ressourcen z.B. in den Meeren Nahrungsmittel zu produzieren. All das war sicher eine Motivation für mich, mich in dem Bereich Aquakultur verstärkt zu engagieren.
Aquakultur ist der am schnellsten wachsende Zweig der globalen Ernährungswirtschaft. Welche Vor- und Nachteile sehen Sie in der Aquakultur?
Es ist richtig. Die Aquakultur ist der am schnellsten wachsende Zweig im Bereich der Lebensmittelproduktion. Wir haben nach wie vor hohe Produktionszuwächse allerdings mit großen regionalen Unterschieden. Ein grundlegender Aspekt bei der Aquakultur ist der, so ressourcenschonend wie möglich Lebensmittel zu produzieren. Wir wissen auf der einen Seite, dass die Erträge aus der Fischerei stagnieren und künftig auch nicht weiter ausgebaut werden können. Auf der anderen Seite wissen wir auch, dass wir eine wachsende Weltbevölkerung haben. Der zunehmende Bedarf an Nahrungsmitteln einer wachsenden Weltbevölkerung kann in diesem Bereich nur durch Aquakultur gedeckt werden. Der entscheidende Vorteil der Aquakultur ist sicherlich der, dass wir mittlerweile in der Lage sind, autark von der Fischerei ausreichend Fisch zu produzieren.
Natürlich muss man dabei einige Dinge berücksichtigen, um die Produktion so umweltverträglich und nachhaltig wie möglich zu gestalten. Wir haben sowohl Beispiele, wie dies in der Zukunft funktionieren könnte, als auch viele Beispiele, wie es nicht funktionieren sollte.
Ein wichtiges Thema bei der Anlage einer Aquakultur ist, dass man die Nährstoffverträglichkeit der genutzten Oberflächengewässer berücksichtigt und die Emissionen möglichst gering hält. Sie werden mich vermutlich in diesem Zusammenhang auf das Thema Antibiotika- und Fischmehleinsatz ansprechen. Natürlich gab es in der Vergangenheit Probleme mit Krankheiten in Aquakulturen, aber in diesem Bereich ist mittlerweile eine Menge passiert. Durch die Entwicklung von Vakzinen z.B. in der norwegischen Aquakultur ist man heutzutage in der Lage mit geringsten Mengen an Antibiotika auszukommen. Sowohl der Fischmehleinsatz als auch die Fischmehlproduktion ist vielfach bestandserhaltend reglementiert und die Fischmehlproduktion ist vergleichsweise konstant in den vergangenen 20 - 30 Jahren. Was wir aber sehen ist, dass das gleichbleibende Fischmehlaufkommen zunehmend in der Fischindustrie landet. Die zunehmende Verknappung hat dann dazu geführt, dass sich der Preis für Fischmehl vervielfacht hat und dadurch dieser Rohstoff für die Futtermittelindustrie gar nicht mehr so interessant ist. Mittlerweile haben wir eine Reihe an Substituten, die wir einsetzen können und auch müssen, weil die Menge an Fischmehl begrenzt ist. Es gibt beispielsweise die ersten Futtermittel, die komplett auf Fischmehl verzichten.

,Aquakultur ist der am schnellsten wachsende Zweig im Bereich der Lebensmittelproduktion'
Wie kann man die Ernährung von Raubfischen, wie z.B. Lachse und Forellen, auf pflanzlicher Basis so umstellen, dass sie nicht an Mangelerscheinungen leiden und es sich nicht negativ auf Größe und Qualität auswirkt?
Das ist eine große Herausforderung und auch eine spannende wissenschaftliche Frage, die sicherlich auch auf den Menschen zu übertragen ist. Auch der Mensch kann sich ja vegan ernähren, er muss dann nur aufpassen, dass er alle wichtigen Makro- und Mikronährstoffe zu sich nimmt. Das Gleiche machen wir beim Fisch auch. Der Fisch hat einen bestimmten Nährstoffbedarf, den wir ihm über unterschiedliche Rohstoffe unabhängig von der Herkunft liefern können. Wir versuchen also pflanzliche Produkte so zu prozessieren, dass sie tierischen Produkten gleichen und damit die benötigten Nährstoffe liefern. So können wir z.B. Proteine aus Soja oder Weizen herauslösen, damit sie dann auch von karnivoren Fischen problemlos genutzt werden können.
Im August hatte ein Unwetter 700 000 Lachsen aus einer Zuchtfarm in Chile zur Flucht in den Ozean verholfen. Was für Konsequenzen kann solch ein Vorfall haben?
Für eine genaue Erklärung müsste man Fischereiökologen oder -biologen fragen, die hier sicherlich eine fundiertere Antwort geben können als ich. Aber natürlich sind die Fische in den Netzgehegen züchterisch angepasst. Hybridisierungen, also Kreuzungen, zwischen Zucht- und Wildlachsen können u.a. zu weniger gut angepassten Nachkommen führen. Dies ist sicherlich nicht auszuschließen, aber wissenschaftlich meines Erachtens schwer nachzuweisen. Mit unter könnten auch Krankheiten wie z.B. die Lachslaus verstärkt auf Wildbestände übertragen werden.
Sie haben gerade schon die Lachslaus angesprochen. Welchen Fischparasit mögen Sie am wenigsten?
Wenn ich das einmal mit unseren hiesigen Gegebenheiten in Verbindung bringe, dann ist es nicht die Lachslaus, sondern eher der Ichthyo, der Erreger der Weißpünktchen-Krankheit. Dieser Erreger bereitet vielen vom Aquarianer bis hin zum Fischzüchter durchaus Probleme. Aber wir sind ganz gut in der Lage darauf zu reagieren - und dann auch handeln zu können.
Sie sind Professor für Marine Aquakultur an der CAU in Kiel und wissenschaftlicher Leiter der Gesellschaft für marine Aquakultur in Büsum. Wie oft pendeln Sie zwischen Ihren Standorten?
Die Professur für Aquakultur ist deshalb etwas Besonderes, da mit der Professur auch die wissenschaftliche Leitung einer Forschungs-GmbH verbunden ist. Wir führen unsere Versuchseinstellungen gänzlich in Büsum durch. Damit ist dort auch mein Lebens- und Arbeitsmittelpunkt. Ich bin 2-3 Tage in Büsum und den Rest der Zeit in Kiel. Dort gehe ich dann meinen akademischen Verpflichtungen nach.

Viele Fischfarmen liegen in Gebieten wie Südamerika, Afrika oder Asien
Das lässt sich über moderne Kommunikation wie Email und Skype gut koordinieren. Die praktisch arbeitenden Wissenschaftler sitzen in Büsum. Sie wissen auch meinen Terminkalender einzuschätzen. Falls eine Frage aufkommt und diese nicht ganz so dringend ist, dann lässt sie sich auch gut am nächsten Tag besprechen.
Sie waren Juniorprofessor an der Humboldt-Universität zu Berlin. Das Prinzip der Juniorprofessur soll die eigene Karriere planbarer machen. Was für Erfahrungen haben Sie gemacht?
Ich war einer der ersten Juniorprofessoren an der Humboldt-Universität, als auch deutschlandweit. Da gab es sicher ein paar Geburtsfehler. Zum Beispiel war die Ausstattung der Juniorprofessuren damals wirklich suboptimal. Mir wurde nur ein "HIWI" zur Seite gestellt und alles andere musste ich mir dann selber beschaffen. Angefangen bei der Vorlesungsvorbereitung bis hin zur Verwaltung von Drittmittelprojekten. Ich glaube auch, dass man daraus mittlerweile gelernt hat und die Stellenausstattung optimiert hat. Damals hatte man zudem nicht unbedingt eine Perspektive als Juniorprofessur auch ordentlicher Professor zu werden. Wenn das der Fall gewesen wäre, wäre die eigene Karriere auch planbarer gewesen. Aber das war zu der Zeit nicht gängig - nur sehr wenige Juniorprofessuren wurden in einer derartigen Konstellation mit Perspektive ausgeschrieben.
Das gestalten wir hier an der AEF Fakultät mittlerweile anders. Wir schreiben nur noch Juniorprofessuren aus, wenn wir zumindest die Möglichkeit haben, eine dauerhafte Perspektive zu bieten. Das halte ich auch für viel zielgerichteter.
Meinen Sie damit den Tenure Tracks?
Genau. Das wäre dann beispielsweise ein Tenure Track. Wenn man sich über dieses Verfahren fachlich etabliert hat und positiv evaluiert wird, dann hat man die Möglichkeit, dass die Juniorprofessur in eine dauerhafte Professur übergeht.
Sie hatten zwischendurch eine Karrierestation in der Industrie der Futtermittelproduktion. Wie sind Sie wieder auf die universitäre Laufbahn gekommen?
Das war direkt nach meinem Studium. Da wollte ich erst einmal aus dem akademischen Betrieb ausbrechen. Ich habe in einem Labor einer Fischfuttermittelproduktion gearbeitet und habe mich dort im Bereich der Qualitätssicherung und Futtermitteloptimierung engagiert. Ich habe aber dann relativ schnell gesehen, dass mir das nicht die Perspektive und Abwechslung bieten kann, die ich gerne hätte. Das hat dann dazu geführt, dass ich nach eineinhalb Jahren wieder den Kontakt zur Wissenschaftswelt suchte und meine Promotion begann.
Ein weiterer Grund war, dass in Firmen einige Dinge im Tagesgeschäft als Routine abgearbeitet werden müssen. Das fand ich nicht so spannend.

Wird der Lachs in Zukunft zu einem Veganer transformiert?
Gibt es denn auch Vorteile in der Industrie zu arbeiten?
Ja. Angefangen mit der Bezahlung. Natürlich gibt es dort aber auch Dinge, die viel effizienter sind als im öffentlichen Bereich. So wird eine Produktentwicklung beispielsweise relativ schnell umgesetzt. Diese Schlagkraft, diese Power, mit der ein Produkt auf den Markt gebracht werden kann, fand ich schon beeindruckend. Das habe ich auch wirklich geschätzt. Das ist auch etwas, woraus man eine ganze Menge lernen - und sich auch motivieren kann. Ich freue mich heute noch, wenn ich durch irgendwelche Fisch oder Zoogeschäfte gehe und ein Produkt sehe, an dessen Entwicklung ich beteiligt war.
Essen Sie viel Fisch, der aus der Aquakultur stammt?
Ja. Damit habe ich gar keine Probleme.
Angeln Sie heute auch noch gerne?
Ja, natürlich. Aber wie immer bleibt zu wenig Zeit dafür übrig. Aber auch ein Großteil meiner Kollegen sind über das Angeln zur Aquakultur gekommen.
Was war denn der beste Rat, den Sie je bekommen haben?
Oh, damit überfallen Sie mich jetzt aber. Ein Ratschlag, der mir sehr viel gegeben hat, war der meiner Eltern, dass wir uns individuell und vor allem Interessen gelenkt entwickeln sollten auch in unserer Berufswahl. Wenn man Interesse, Ideen und vor allem die Motivation für einen bestimmten Bereich hat, dann sollte man ganz unabhängig von irgendwelchen Modeerscheinungen oder anderen Rahmenbedingungen dem nachgehen - auch wenn es zu dem Zeitpunkt vielleicht ein "Orchideenbereich", wie bei mir, zu sein scheint.
Lieber Herr Prof Schulz, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
