Prof. Dr. Matthias Glaubrecht
"Mollusken sind für mich die Renner der Evolution"
Interview: Myria Schröder 

Zur Person
Prof. Dr. Matthias Glaubrecht studierte, promovierte und verbrachte einen Teil seiner Postdoc-Zeit an der Universität Hamburg. Im Anschluss war er als Gast am Australian Museum in Sydney und als Kurator der Mollusken-Sammlung am Naturkundemuseum in Berlin tätig. Seit 2014 ist er Direktor des Centrums für Naturkunde in Hamburg . Prof. Dr. Glaubrecht ist als Wissenschaftsjournalist für Zeitungen und Zeitschriften wie die Zeit, den Tagesspiegel, die Frankfurter Rundschau und die Naturwissenschaftliche Rundschau tätig. Ebenfalls hat er mehrere Bücher veröffentlicht und verschiedene Preise für seine Veröffentlichungen bekommen.
Sie sind seit 2014 Direktor des Centrums für Naturkunde in Hamburg. Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?
Es gibt keinen typischen Arbeitsalltag. Einen regelmäßigen Arbeitsablauf zu haben ist für einen Professor sehr schwer, weil er neben Lehre, Betreuung von Studenten, eigenen Forschungsprojekten und der akademischen Verwaltung ständig etwas Neues zu bewältigen hat. Für mich ist es noch einmal dadurch potenziert, dass ich nach der Gründung auch die Leitung des Centrums für Naturkunde (CeNak) mit 160 Mitarbeiten innehabe, davon 20 Neueinstellungen. Wir haben dabei die auf drei Standorte verteilen Sammlungen des ehemaligen historischen Naturkundemuseums Hamburg als außerfakultäre Einheit gleichsam unter einem virtuellen Dach zusammengeführt. Ein weiteres Ziel ist es, das CeNak nun als außeruniversitäre Forschungseinrichtung in Form eines Leibnitz-Institutes zu etablieren und in Hamburg ein „Evolutioneum“ – eine Naturkundemuseum des 21. Jahrhunderts - aufzubauen.

Welche Möglichkeiten stehen Ihnen als Direktor für das Centrum für Naturkunde zur Ausstattung des Museums zur Verfügung? Inwieweit können Sie über die Exponate des Museums bestimmen?
Wir reden nicht von Exponaten, sondern einer aus 10 Millionen Objekten bestehenden Forschungsinfrastruktur. Diese 10 Mio. Sammlungsstücke Sammlungsstücke sind Forschungsgegenstände, mit denen wir in erster Linie arbeiten. Nur ein sehr kleiner Teil davon wird jemals für die Öffentlichkeit ausgestellt. Unser Museum ist eine Forschungsinfrastruktur und die Ausstellung ist quasi das Schaufenster unserer Wissenschaft. Eine meiner Aufgaben ist es, diese Exponate auszuwählen und Sonderausstellungen zu konzipieren.

Inwieweit ändert sich die Museumswelt durch die Digitalisierung? Wird es in 50 Jahren überhaupt noch Museen geben?
Wir haben den Computer nicht, um etwas gänzlich zu ersetzen. Wir können nicht auf die Objekte verzichten, auch wenn wir sie digitalisieren, also ihre Metadaten erfassen und/oder sie bildhaft repräsentieren. Es ist also nicht so wie bei E-Books, wo das Buch nur in einem anderen Medium ist. Wir digitalisieren, damit andere Forscher weltweit auf unsere Datensätze und Sammlungsbestandteile zurückgreifen können. Wir werden gerade wegen der Digitalisierung authentische Objekte wie z.B. den Wal in seiner ganzen Größe mit seinen echten Knochen zeigen. Unterm Strich ist die Digitalisierung für uns ein Hilfsmittel, aber es wird das Objekt an sich nie ersetzen; so wenig wie das Foto oder der Ausweis einer Person diese niemals ersetzen wird.

Sie haben 1996 den Werner und Inge Grüter-Preis für Wissenschaftsvermittlung insbesondere für das Sachbuch „Der lange Atem der Schöpfung. Was Darwin gerne gewusst hätte“, erhalten. Was ist das Wichtige an der Wissenschaftsvermittlung und welche Aufgaben sehen Sie für sich als Direktor?
Ich denke, wir haben als Wissenschaftler eine Bringschuld unser Wissen weiterzugeben und anständig zu vermitteln. Die Welt der Wissenschaftler sollte einem breiten Publikum verständlich und deutlicher gemacht werden. Wir sollten den Steuerzahlern erzählen, wofür sie ihr Geld ausgeben. Das machen wir auch: Deshalb betreiben wir Museen und Ausstellungen, deshalb schreibe ich Bücher und Artikel, deshalb gebe ich Interviews. Ich mache das seit meinen Studientagen. Als Direktor ist es nun auch meine Aufgabe die Wissenschaftsvermittlung zu dirigieren, indem ich meine Mitarbeiter dazu anhalte mit der Presse zu reden und nach außen zu gehen. Mir ist es ein ganz wichtiges persönliches Anliegen, dass wir in der Gesellschaft darauf hinweisen, dass wir gerade dabei sind über den Lebensraumverlust einen großen Teil unserer Artenvielfalt zu verlieren – regional wie global. Meine Aufgabe als Direktor eines Naturkundemuseums in Deutschland ist es also auch, auf die Bedeutung dieser Biodiversität hinzuweisen und in der gesellschaftlichen Dabatte zu etablieren. Das tun wir, indem wir unsere Forschung publik machen.

,Bücher gehen immer noch weit über die Informationen im Internet hinaus.'

Ihr Dissertationsthema war: „die Evolutionsökologie und Systematik am Beispiel von Süß- und Brackwasserschnecken“ und seit 1997 waren Sie Leiter der Sammlung für Malakozoologie im Naturkundemuseum Berlin. Was interessiert Sie so an Weichtieren?
Die Weichtiere – oder Mollusken - sind für mich gleichsam „die Renner der Evolution“. Jeder von uns Wissenschaftler sucht sich eine Tiergruppe, an der man bestimmte Dinge besonders gut erforschen und illustrieren kann. Mollusken sind wirbellose Tiere mit einer harten Schale. Sie können nicht so leicht wegfliegen oder weglaufen und sind so besonders an ihren Lebensraum gebunden. Dadurch zeigen sie uns Phänomene, die mit ihrer unmittelbaren Umwelt, ihrem Lebensraum verknüpft sind. Ich bin besonders an phylogenetisch alten Süßwasserschnecken interessiert. Sie sind besonders gut geeignet, da sie nicht nur an Land, sondern zusätzlich auch noch im Süßwasser an Landmassen gebunden sind. Dadurch können wir Veränderungen der Kontinente, Veränderungen der Lebensräume anhand der Verwandtschaft dieser Schnecken ablesen. Anders als bei Vögeln, Säugetieren und Amphibien sind viele der Mollusken, auch gerade die Süßwasserschnecken, in ihrer Artenvielfalt noch überhaupt nicht erkannt. Wir haben da eine völlig unzureichende Kenntnis. Wir vernichten allerdings gerade durch unseren Bedarf an Süßwasser diese artenreichen limnischen Lebensräume. Dadurch verlieren wir eine Artenvielfalt auf der Erde, bevor wir sie richtig taxonomisch, systematisch und evolutionsbiologisch erforscht haben. Die Herausforderung ist, diese Tiere zu entdecken, zu beschreiben und möglichst auch vor dieser Lebensraumvernichtung zu schützen.

Sie waren als Wissenschaftsjournalist für Zeitungen wie Die Zeit, den Tagesspiegel und Die Welt tätig. Was ist so reizvoll am Wissenschaftsjournalismus?
Ich verstehe mich als Wissenschaftler, der sich sehr bemüht die Berichte der Wissenschaft in die Öffentlichkeit zu tragen. Ich habe Wissenschaftsjournalismus nicht professionell von der Pike auf gelernt; aber mir liegt die Vermittlung von Wissenschaft nahe. So publiziere ich parallel zu meiner Forschung. Man könnte das als Abwandlung des Spruches „Tu Gutes und sprich darüber" sehen: „Erkunde die Natur und erzähle vielen davon". 

Würden Sie also auch vielen jungen Menschen raten, Ihre Forschung der breiten Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen?
Ich glaube, dass das zu unserem Beruf eines Wissenschaftlers dazu zählt. Für mich ist ein Wissenschaftler nicht gut, wenn er Neues entdeckt, aber dies nicht entsprechend vermitteln kann. Ein guter Wissenschaftler macht gute Forschung und vermittelt sie an seine Studenten und möglichst darüber hinaus noch an ein breites Publikum. Ich denke, dass alle, die sich entschließen im universitären Bereich zu forschen, auch diese Vermittlungstätigkeit akzeptieren müssen.

2009 veröffentlichten Sie das Buch: „Es ist, als ob man ein Mord gesteht. Ein Tag im Leben des Charles Darwin. Ein biographisches Gespräch.“ An welchem Tag seines Lebens wären Sie gerne dabei gewesen?
Ich wäre gerne am 18. Juni 1858 in Charles Darwins Wohnhaus in der Grafschaft Kent im Südosten Londons dabei gewesen. In der Wissenschaftsgeschichte ist dieses Datum überliefert worden als der Tag, an dem Darwin von seinem Kollegen, Alfred Russel Wallace, ein Manuskript zugeschickt bekam, in welchem er Darwins Gedanken und Theorien, an denen dieser 20 Jahre lang gearbeitet hatte, in Kurzform auf 30 Seiten zusammengefasst hatte. Es entspannt sich noch heute ein Wissenschaftskrimi darüber, was Darwin gedacht hat, als er dieses Manuskript gesehen hat. Wir haben Hinweise darauf, dass er mindestens zwei Wochen zögerte dieses Manuskript, so wie Wallace ihn aufforderte, weiterzureichen. An diesem Tag wäre ich gerne dabei gewesen und hätte gerne gesehen, was Darwin wirklich getan hat. Das Manuskript und die begleitenden Briefe sind leider verloren gegangen.

Bereits direkt nach Ihrer Postdoc-Zeit waren Sie Gast am Australian Museum in Sydney. Wie wurde Ihr Interesse an der Museumsarbeit geweckt?
Ich bin als Student hier am Zoologischen Museum der Universität Hamburg groß geworden. Ich habe hier sowohl studiert als auch meine Diplom- und Doktorarbeit absolviert. So war ich gewissermaßen schon mit der akademischen Muttermilch mit Museen vertraut, als man mich einlud, an das Australian Museum zu gehen. Die naturwissenschaftlichen Museen sind die Orte, an denen systematisch und taxonomisch gearbeitet wird. An den deutschen Universitäten wurden taxonomische und systematische Lehrstühle weitestgehend abgeschafft. Das heißt, in Naturkundemuseen arbeiten die „Artendetektive" und „Biodiversitätsentdecker". Durch mein Studium bzw. Doktorarbeit hier in Hamburg und meine Postdoc-Ausbildung in Australien war ich prädestiniert auf die Schienen gesetzt, als Kurator ab 1997 für die Weichtiersammlung für siebzehn Jahren am Berliner Naturkundemuseum zu arbeiten.

 ,Ein guter Wissenschaftler macht gute Forschung und vermittelt sie an seine Studenten und an ein breites Publikum!'

Sie haben es gerade schon einmal angesprochen: Sie studierten und promovierten in Hamburg. Nach welchen Kriterien sollte man seinen Studienort auswählen?
Damals war das noch schwieriger als heute. Heute können sich Studierende im Internet über die Universität und die Dozenten informieren. Ich glaube, dass die Studenten ihr Bedürfnis in einer „coolen Stadt“ zu studieren zu sehr in den Vordergrund stellen. Sie sollten sich eher, und zwar noch vor ihrem Studium, Gedanken machen, warum sie dieses bestimmte Studienfach studieren und was sie damit einmal werden wollen. Das fällt vielen Studenten sehr schwer. Wenn man sich diese Frage erst zum Bachelor und Master stellt, ist es eine viel zu lange Orientierungsphase. Deshalb mein Plädoyer und meine Empfehlung: Studenten sollte sich zu Beginn ihres Studiums nicht nur eine schönen Stadt und eine tolle Universität aussuchen, sondern sich auch darüber informieren, welche Dozenten dort eigentlich unterrichten. Was forschen diese Professoren? Man darf nicht nur darauf gucken, wen man sympathisch findet, sondern auch, ob dort die für mich interessante Fragestellungen angeboten werden. Die Fachbereiche sind heute sehr viel zersplitterter und heterogener, aber dafür kann man sich auch im Internet sehr viel besser informieren. Für mich war ausschlaggebend, dass ich Verhaltensforschung machen wollte. Für dieses Fachgebiet gab es damals nur sehr wenige namensführende Universitäten. So bin ich dann nach Hamburg gegangen. Es war reiner Zufall, dass ich dann an der Universität Hamburg auf zwei Professor gestoßen bin, der eine ein sehr guter Systematiker und Evolutionsbiologe, der andere kannte sich gut mit Schnecken aus. So hat sich dann auch meine Kombination aus Evolutionsbiologie, Systematik und Malakozoologie ergeben.

Was für Möglichkeiten haben vor allem Oberstufenschüler ihren Berufswunsch zu finden – ist das Internet die einzige Informationsquelle? 
Es ist die Verantwortung der Oberstufenabsolventen sich vorab zu informieren. Gerade wenn sie eine akademische Karriere einschlagen wollen, ist es zwingend notwendig, sich zu überlegen, warum man das studiert und warum es einen interessiert. Bei Medizin muss man sich beispielsweise überlegen, ob man es studiert, um später Arzt zu werden oder um in die Forschung zu gehen. Die Lektüre in Büchern ist am besten geeignet. Bücher gehen immer noch weit über die Informationen im Internet hinaus. Mein Plädoyer wäre also, mehr zu lesen und aber auch das Internet für eine gute Information nutzen.

Sie sind 1981 Bundessieger im Fachbereich Biologie bei dem Schülerwettbewerb „Jugend forscht“ geworden. Wie sah Ihre Freilandstudie zu der Mäusebussardpopulation genau aus?
Ich war vor, – aber vor allem auch nach der Schule stundenlang draußen. Mäusebussarde brüten von April bis in den Juni. Im Frühjahr beobachtete ich die Brutplätze und die Tiere. Ich kartierte ihre Flugstrecken auf einer Karte. So konnte ich eine Vorstellung von ihren genutzten Nahrungsrevieren entwickeln. Ich konnte zeigen, dass in den Jahren, in denen wir große Mäusepopulationen hatten, die Reviere enger wurden. Es gab genug Nahrung, mehr Mäusebussarde konnten brüten und viele junge Bussarde überlebten. In Jahren, in denen wenig Mäuse vorhanden waren, wurden die Reviere größer, weniger Mäusebussarde konnten brüten und es gab weniger Nachwuchs. Ich habe also die Territorialität der Mäusebussarde während meiner Gymnasialzeit untersucht. Heute bin ich leider kein Freilandbiologe mehr. Heute arbeitet man vor allem mit Computern, Sammlungen, in Laboren und nicht mehr so sehr im Freiland. Dies finde ich durchaus schade.


,Erkunde die Natur und erzähle vielen davon!'
Wie sind Sie auf dieses Projekt gekommen?
Auch da hat das gute alte Buch mich dazu gebracht. Ich hatte mich schon sehr früh für Verhaltensforschung interessiert - ich war begeistert, was Konrad Lorenz, ein Nobelpreisträger und Verhaltensforscher, gemacht hat. Ich habe Bücher von ihm und von anderen Verhaltensforschern gelesen. Ich war begeisterter Vogelkundler und dann las ich in einem Buch über ein in Afrika tätigen Forscher. Er fotografierte Elefanten und konnte sie anhand ihrer Ohrenformen auf Fotos voneinander unterscheiden. Genau diese Methode habe ich auf die Mäusebussarde übertragen - sie haben eine sehr variable Gefiederfärbung. So bin ich auf eine sehr frühe Forschungsarbeit gestoßen, ohne dass ich das vorher geplant hätte. Irgendwann wurde daraus eine Facharbeit für das Abitur und ein „Jugend forscht“-Projekt. Damit war der Weg, Zoologe bzw. Biologe zu werden schon ein bisschen vorgezeichnet.

Was war der beste Rat, den Sie je bekommen haben?
Der beste Rat, an den ich mich erinnern kann, war der Rat meines Vaters, das zu machen, wofür man sich begeistert. Man sollte nicht etwas machen, nur weil man annimmt, dass es besonders opportun ist. Ich hatte kurzfristig über ein Medizinstudium nachgedacht und überlegt, ob das nicht die sicherere Karriere im Vergleich zu Systematik und Zoologie wäre. Also: Mach das, was dir Spaß macht und wozu du Talent hast, denn das bringt dich am weitesten.

Lieber Herr Prof. Glaubrecht, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.