Prof. Dr. Dr. Jonas Schmidt-Chanasit
"Offenheit wird immer positiv aufgenommen!"
Interview: Myria Schröder 


Zur Person
Prof. Schmidt-Chanasit begann nach seiner Schulzeit am Erich-Friedrich-Gymnasium in Berlin-Friedrichshain sein Studium der Humanmedizin an der Charité in Berlin. Bereits im Rahmen seiner Dissertationsschrift befasste er sich mit Viren und war als Gastwissenschaftler an der Kasetsart Universität in Bangkok tätig. Während seiner Postdoc-Zeit war er am Institut für Medizinische Virologie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main tätig. Aktuell leitet er gemeinsam mit Prof. Stephan Günther das Kooperationszentrum der Weltgesundheitsorganisation für Arboviren und hämorrhagische Fieberviren am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg. Er ist seit 2018 Inhaber des Lehrstuhls für Arbovirologie an der Universität Hamburg.
+++Neues zu Corona+++
Alles dreht sich um das Corona-Virus! Jonas Schmidt-Chanasit ist einer der Virologen, der als Experte öffentlich zu Wort kommt. Sicherlich ist er auch euch schon in den täglichen Nachrichtensendungen oder diversen Artikeln zum aktuellen Top-Thema begegnet. 
Während dem letzten Interview, das BioAtelier mit Jonas Schmidt-Chanasit führte, wurde über Covid-19 noch nicht geredet. Jetzt wird der angesehene Virologe nun beinahe täglich über das Virus und seine Folgen und befragt. 
Eine der häufigsten Fragen, die ihm gestellt wird, dreht sich um den Mundschutz - tragen oder nicht tragen? Schmidt-Chanasit‘s Meinung wird in seinen Interviews deutlich: Es gebe keine wissenschaftlichen Belege, die eine allgemeine flächendeckenede Maskenpflicht rechtfertigen würde. Im Moment herrsche ohnehin ein Mangel an Masken in Krankenhäuser, Arztpraxen, Alten- und Pflegeeinrichtungen, womit die Diskussion um eine allgemeine Maskenpflicht fehlplaziert sei. Die Frage um Mundschutzmasken lenke auch eher von anderen wichtigen Maßnahmen ab, wie z. B. die Kontaktreduzierung. 
Schmidt-Chanasit weist auf einen weiteren wichtigen Aspekt hin: Die schrittweise Immunisierung in der Bevölkerung. Infektionen müssten stückweit, das heißt mit einer Geschwindigkeit, die es dem Gesundheitssystem ermöglicht, Komplikationen gut zu bewältigen, zugelassen werden, um langfristig eine schützende Immunität in der Bevölkerung zu erreichen. Unter diesem Aspekt und unter der Voraussetzung, dass sich die Kurve der Neuinfektionen weiterhin abflacht, könne man über eine kontrollierte Lockerung der strikten Maßnahmen nachdenken. 
Fangen wir doch ganz klassisch an: Was genau erforschen Sie eigentlich?
Mein Forschungsgebiet ist sehr breit und lässt sich nicht mit einem Satz beschreiben. Ich habe die Professur für Arbovirologie. Arboviren sind Viren, die von Arthopoden auf Wirbeltiere übertragen werden. Wir beschäftigen uns mit den Fragen wie: Welchen Einfluss haben diese Viren auf den Menschen? Welche Erkrankungen rufen sie hervor? Welche Faktoren spielen für Arbovirus-Epidemien eine Rolle? Neben meiner Tätigkeit als Hochschullehrer besteht auch die Verpflichtung in der Routinediagnostik des Tropeninstituts zu arbeiten. Hier haben ich mit humanen Proben von Reiserückkehrern, die gerne wissen möchten, woran sie erkrankt sind, zu tun. Dabei spielen nicht nur Arboviren eine Rolle, sondern auch Ebola-, Lassa- oder Marburgviren, die nicht von Stechmücken, sondern von Mäusen, Flughunden oder von Mensch zu Mensch übertragen werden. Es handelt sich dabei immer um Zoonosen, also Erkrankungen, die von Wirbeltieren auf den Menschen übertragen werden und hier geht es insbesondere um neu auftretende zoonotische Erkrankungen. Mein Forschungs-Spektrum reicht von der Impfstoffentwicklung bis zur Entdeckung neuer zoonotischer Erreger.

Am 1. Februar 2016 wurde aufgrund des sogenannten Zikafiebers der „Öffentliche Gesundheitsnotstand internationalen Ausmaßes“ von der Weltgesundheitsorganisation ausgerufen. Warum wurde sich nicht schon viel früher mit dem Zika-Virus beschäftigt?
Das Zika-Virus war vor dem Jahr 2015 von keiner großen Bedeutung. Es gab nur zwei größere Ausbrüche, einen auf den Yap-Inseln und einen in Französisch Polynesien. 2015 hat es das Virus über den internationalen Waren- und Personenverkehr geschafft in Amerika eine Epidemie hervorzurufen. Dort traten erstmals Mikrozephalie-Fällen gehäuft auf. Daraufhin wurde der Gesundheitsnotstand ausgerufen. Wir haben die Zikavirus-Diagnostik schon seit 2007 etabliert. Insofern waren wir 2015 gut vorbereitet und konnten den Ansturm der Proben problemlos verarbeiten.


In einem Interview mit der Helmholtz-Gesellschaft 2015 sagten Sie, dass alle Modelle, die Vorhersagen darüber machen wollen, wann es zu einem Zika-Virus-Ausbruch kommt, nicht funktionieren würden, da es zu viele mit einzubeziehende Faktoren geben würde. Nun arbeiten Sie aber selber an solch einem Modell. Was hat sich geändert?
Im Grunde stimmt es, dass es sehr komplex ist eine Voraussage zu treffen, weil viele Faktoren dabei eine Rolle spielen wie z.B. das Immunsystem des Menschen und der Stechmücken. Dann ist die Temperatur entscheidend für die Vermehrung der Viren in der Stechmücke. Natürlich wäre es ein riesiger Fortschritt, wenn man ein Modell hätte, mit dem man sagen könnte: Letzte Woche waren 30°C, das Risiko steigt um den Faktor 3, dass es einen Ausbruch mit dem Virus X gibt. So einfach wird es leider nie sein. Nichtsdestotrotz arbeiten wir daran die Vorhersagen zu verbessern. Dabei wollen wir zunächst einmal die Einflussfaktoren besser verstehen: Hat Niederschlag einen Einfluss? Gibt es Unterschiede innerhalb einer bestimmten Spezies oder innerhalb einer bestimmten Population?

Haben Sie Angst vor möglichen Infektionen im Rahmen Ihrer Forschung?
Nein, Angst habe ich eigentlich nicht. Es kommt aber darauf an, wo man sich gerade befindet. Hier im Labor gibt es ganz strenge Vorschriften, wie man sich verhalten muss. Die Viren sind in 4 verschiedene Risikoklassen eingeteilt. Das Ebolavirus gehört z.B. in die Klasse 4. Das bedeutet, dass man nur in einem Vollschutzanzug im Unterdruck mit diesem Virus arbeiten darf. Anders ist es, wenn man im Feld arbeitet. Wenn dort ein hoher Infektionsdruck herrscht, also wenn viele Mücken das Virus in sich tragen, besteht natürlich eine größere Gefahr. Dadurch, dass es für viele Arboviren keinen Impfstoff und keine antivirale Therapie gibt, kann man sich nur vor den Stichen schützen. Zu bedenken ist jedoch, die meisten Infektionen asymptomatisch verlaufen und die allerwenigsten Arbovirus-Infektionen einen schweren oder tödlichen Verlauf nehmen.


Wenn in der Nacht eine Mücke um Ihren Kopf herum summt – denken Sie dann an alle gefährlichen Viren, die sie übertragen könnte?
Nein, gar nicht. Ich denke vornehmlich daran, wie ich die Mücke erschlagen kann, damit ich weiter schlafen kann.

Wissenschaft wird oft als ein riesiger Wettbewerb dargestellt in dessen Rahmen man keine der eigenen Ergebnisse ohne weiteres an andere weiter geben kann. Sie arbeiten aber beispielsweise eng mit Institutionen aus Griechenland zusammen. Wie passt das zusammen?
Das ist leider weit verbreitet und viele Kollegen verhalten sich auch so. Natürlich ist es richtig, dass ein Wettkampf in der Wissenschaft besteht. Das funktioniert auch gar nicht anders, da es auch Antrieb für die Forschung ist. Man will schon der Erste sein, der es publiziert, sonst macht es auch weniger Sinn es zu veröffentlichen. Wir werden auch daran gemessen, wie hochrangig wir etwas publizieren können. Daran hängen u.a. die Fördermittel. Nichtsdestotrotz kann das ein sehr kollegiales Miteinander sein. Wir sind eigentlich immer sehr offen im Rahmen von Forschungsprojekten zu kooperieren und das wird dann auch von den anderen Kollegen so wahrgenommen. Der Schlüssel liegt darin, es so weit wie möglich gemeinschaftlich anzugehen und eine gemeinsame Lösung zu finden insbesondere bei den Autorenreihenfolge. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es immer positiv aufgenommen wird, offen zu sein, sich selbst zurückzunehmen und insbesondere den Nachwuchs zu fördern. Darin habe ich nie einen persönlichen Nachteil gesehen.


Was genau bedeutet es den Erst- oder Letztautor zu sein?
Mit Publikationen werden die Ergebnisse, die wir produzieren, veröffentlicht, der Allgemeinheit zugänglich gemacht. Sie sind der Nachweis darüber, was wir hier den ganzen Tag machen. In der Regel ist es so, dass die Erst- und Letztautorenschaft höher bewertet werden, nämlich mit jeweils einem Punkt, die Autorenschaften dazwischen jeweils nur mit einem halben Punkt. Bei Zitaten wird oft nur der Erstautor genannt; die anderen Autoren verschwinden im “et. al”. Klassischerweise steht der Leiter der Arbeitsgruppe als derjenige, der das Projekt angeschoben hat, hinten und als Erst- und Zweitautor stehen die wissenschaftlichen Mitarbeiter, die im Labor die Daten gewinnen.

Es gibt Studien, die zeigen, dass etwa die Hälfte aller Experimente nicht das erwartete Ergebnis bringt – Wie gehen Sie damit um?
Das ist eine der Grundfragen: Will man einer bestimmten Arbeits-Hypothese nachgehen oder nicht. Das ist in der Biologie und Medizin ein sehr weit verbreiteter Ansatz. Ich bin oftmals ergebnisoffen, also ohne Hypothese in die Experimente gegangen Im Rahmen der Studien ordnen wir die Ergebnisse ein und ziehen unsere Schlussfolgerungen.

Was wäre denn ein Misserfolg in Ihrer Forschung?
Ein Misserfolg wäre es natürlich, wenn man gar nichts herausfinden würde. Wenn wir z.B. versuchen das Denguevirus in einer Millionen Stechmücken aus Thailand versuchen nachzuweisen und gar nichts finden. Dann können wir natürlich auch keine Aussagen, zur Verbreitung und zum Zusammenhang mit abiotischen Faktoren treffen.


Ab welchem Zeitpunkt sollte man seine zu nichts führenden Experimente abbrechen und lieber einen neuen Weg einschlagen?
Wenn wir uns sicher sind, dass wir eine ausreichende Anzahl an Experimenten durchgeführt haben und es zu keinem Ergebnis führt, dann brechen wir die Untersuchungen ab. Aber das passiert sehr selten.

Sie absolvierten schon während des Studiums mehrere Forschungsaufenthalte an der Kasetart Universität in Bangkok. Heute leben sie teilweise dort. Wie sind Sie als Student auf Bangkok gekommen?
Das hat sich über meine Doktorarbeit ergeben. Als Medizinstudent hat man ja den Vorteil, dass man seine Doktorarbeit schon während des Studiums machen kann. Im Rahmen meiner Doktorarbeit über hochpathogene Hantaviren ergab sich eine Kooperation mit der Kasetsart-Universität in Thailand. Hier habe ich dann zusammen mit den thailändischen Kollegen Ratten in Reisfeldern gefangen und untersucht. Folgende Fragen wollten wir beantworten: Welche Viren kommen dort vor? Welche humanmedizinische Relevanz haben diese Viren in Thailand?


Sie haben verschiedene Preise gewonnen, darunter den „Zondek Preis“ der Charité Berlin oder Roche-Prophac Preis des Biotech-Unternehmens Roche – Wie wichtig sind solche Auszeichnungen für die Karriere?
Diese Preise empfinde ich eher als persönliche Anerkennung. Für Bewerbungen zählen v.a. Publikationen und dass man Projekte angeschoben und geleitet hat.

Wir haben vorhin schon einmal über Misserfolg gesprochen. Was glauben Sie, war denn Ihr größter Erfolg?
Gut war, dass wir in Deutschland relativ früh angefangen haben uns mit den stechmückenübertragenden Krankheiten zu beschäftigen. Das war im Jahr 2009. Danach begann die interessante Entwicklung mit Zika-, Chikungunya- und West-Nil-Viren. Darauf waren wir dann gut vorbereitet und konnten somit Drittmittel einwerben und grosse Forschungsprojekte umsetzen.


Was war der beste Rat, den Sie je bekommen haben?
Auf jeden Fall das machen, was einem Spaß machen. Dann hat man eine gute Grundlage erfolgreich zu werden. Der Tipp von meiner Mutter, statt Biochemie Medizin zu studieren, da man als Mediziner fast in allen Bereichen arbeiten kann und es kaum prekäre Beschäftigungsverhältnisse gibt. Damit hatte sie Recht.

Lieber Herr Prof. Schmidt-Chanasit, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.