Prof. Dr. Margret Sauter
"Gentechnik an sich halte ich nicht für problematisch!"
Interview: Myria Schröder 
Zur Person
Frau Prof. Margret Sauter studierte Biologie an der Universität Tübingen und an der San José State University. 
Nachdem Sie ihre Promotion in Biologie am Institut für Allgemeine Botanik und Pflanzenphysiologie der Universität Tübingen abgeschlossen hatte, war sie als Postdoktorandin an der Universität Tübingen und später als wissenschaftliche Mitarbeiterin am MSU-DOE Plant Research Laboratory der Michigan State University, USA tätig.
Im Anschluss arbeitete sie an der Universität Hamburg und am Centre Nationale de la Recherche Scientifique - Institut de Biologie Moleculaire des Plantes in Straßburg. Aktuell bekleidet Frau Prof. Sauter den Lehrstuhl für ‚Entwicklungsbiologie und Physiologie der Pflanzen‘ am Botanischen Institut der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.
Sie forschen unter anderem über Anpassung von Pflanzen an Hypoxie, dem Sauerstoffmangel in Geweben. Wie sieht das aus?
Dazu hole ich ein wenig aus: Wenn es draußen regnet dringt Wasser in die Erde und wenn es viel regnet, ist die Erde irgendwann mit Wasser gesättigt. Dadurch haben Pflanzenwurzeln, oder wenn das Wasser höher steigt, auch die Pflanzensprossen, Mühe Sauerstoff aufzunehmen. Obwohl man weiß, dass Pflanzen Sauerstoff über die Photosynthese produzieren können, sind es trotzdem aerobe Organismen, die Sauerstoff zum Leben benötigen. Sauerstoffmangel ist also ein Problem. Einige Pflanzen sind gut angepasst, andere weniger. Pflanzen können zum Teil sehr gut unter solchen Bedingungen leben. Diese Anpassungsmechanismen versuchen wir zu beschreiben und zu verstehen.
 
Wie sind Sie auf dieses Forschungsthema gekommen?
Ich habe nach dem Studium meine Postdoc-Zeit in den USA verbracht. Dort war ich in einer Arbeitsgruppe, die sich mit dieser Frage beschäftigt hat. Das Thema habe ich von dort mitgenommen und seitdem verschiedene Aspekte dazu untersucht. Sogar eine der Modellpflanze, an der wir arbeiten, der Reis, stammt noch aus dieser Post-Doc-Zeit. 
Also, irgendwann bin ich einem Thema begegnet, das mich so begeistert hat, dass ich es weiter verfolgt habe.
 

Sie haben an der Universität Tübingen und an der San José State Universität in den USA Biologie studiert. Im Anschluss schrieben Sie Ihre Doktorarbeit im Fachbereich Botanik und Pflanzenphysiologie. Was interessiert Sie so speziell an Pflanzen?
Ursprünglich war es gar nicht so sehr das Interesse an Pflanzen. Ich kann kein Blut sehen, deshalb war schon einmal das Medizinstudium ausgeschlossen. Tiere als Versuchsorganismen fand ich für mich auch nicht so passend. Mikrobiologie hätte mich auch sehr interessiert, aber das war ein sehr überlaufendes Fach. Deshalb bin ich dann bei den Pflanzen hängengeblieben und habe das auch nicht bereut, da ich dieses Gebiet auch als untererforscht empfand.

In einem Interview mit „myScience“ sagten Sie: "Wenn wir verstehen, wie sich bestimmte Pflanzen in Stressreaktionen wie Überflutungen und Stressreaktionen verhalten, können wir vielleicht irgendwann unseren heimischen Nutzpflanzen dieses Verhalten beibringen." Welche verschiedenen Methoden halten Sie für erfolgreich um Pflanzen bestimmtes Verhalten "beizubringen"?
„Beizubringen“ ist vielleicht der falsche Ausdruck. Wir können die genetischen Grundlagen schaffen, damit die Pflanzen sich anpassen können. Da gibt es grundsätzlich zwei Methoden: Erstens die klassische Züchtung. Wenn man die Merkmale kennt, die man übertragen möchte, dann kann man das über Kreuzungen erreichen. Es gibt aber auch gentechnologische Ansätze oder neue Methode wie Genome editing.


Wie kritisch sehen Sie den Einsatz von transgenen Pflanzen?
Ich halte den Einsatz an sich von transgenen Pflanzen für vollkommen unkritisch. Das, worüber sich die Menschen Gedanken machen müssten, was sie aber nicht tun, weil sie ideologisch verbrämt sind, ist die Frage wofür es eingesetzt wird. Wird die Pflanze tatsächlich nützlicher für die Menschheit, für den Verbraucher, für den Patienten? Oder stehen ausschließlich kommerzielle Interessen dahinter? 
Ich glaube, die Diskussion in der Bevölkerung geht eigentlich an den wichtigen Fragestellungen völlig vorbei. Die Gentechnik an sich halte ich nicht für problematisch.

Viele Menschen halten Gentechnik für riskant, da die transgenen Erzeugnisse mit der Umwelt interagieren. Sind Sie da anderer Meinung?
Jeder Organismus interagiert mit seiner Umwelt. Jedes Genprodukt interagiert mit anderen Genprodukten. Das ist Biologie. Das verkennt ein bisschen die Grundlagen des Lebens. Das ist grundsätzlich etwas, was sowieso passiert. Diese Gene existieren in der Regel in anderen Organismen, werden dann übertragen, ggf. noch modifiziert, aber das ist keine „Super-de-novo-Erfindung“. Es kann zwar sein, dass die Pflanze dann resistenter gegen einen Umweltfaktor ist. Dafür ist sie aber anfälliger für einen anderen. Das ist dann ein Lernprozess, bis man insgesamt die Ertragsteigerung oder die Stressresistenz tatsächlich unter realen Bedingungen optimiert. Aber dass Proteine als Genprodukte mit anderen Proteinen oder die Pflanze mit anderen Pflanzen interagieren ist Normalzustand. So wie wir ja auch interagieren. 

Kommen wir einmal zu Ihrem Studium. Sie waren research associate am Plant Research Laboratory der Michigan State Universität. Wie haben Sie Ihren Aufenthalt dort erlebt?
Das war super! Das war richtig klasse! Das war damals und ist noch heute eines der führenden Labore für Pflanzenforschung. Es war schon damals sehr international geprägt mit Post-Docs und Doktorenden aus allen Herren Ländern. Wir waren alle in der gleichen Situation. Man kommt aus dem Ausland oder aus einem anderen Teil der USA und fängt dort einen Teil seiner Karriere an. Es war ein toller Zusammenhalt und von der Forschungsumgebung her extrem inspirierend. Wenn man von vielen guten Leuten umgeben ist, dann färbt das ab. Wenn man irgendeine Methode lernen wollte, konnte man in die spezielle Gruppe gehen und sich sie dann zeigen lassen. Also, das war eine richtig gute Zeit! 


Wie sind Sie an Ihre Research Associate Stelle gekommen?
Bei mir war das so, dass ein Professor, der einen Gastvortrag in Tübingen gehalten hat, zuvor Post-Doktorand dort war und gesagt hat, dass ein Kollege interessierte Leute sucht. Dann habe ich den Professor in den USA kontaktiert. Er hat mir Vorschläge gemacht, wie man an eine Finanzierung kommen könnte. Dann habe ich einen Antrag gestellt – das hat alles funktioniert. 

Wo haben Sie den Antrag gestellt?
Bei der Max-Kade-Stiftung, die von der DFG verwaltet wird. Später habe ich eine Finanzierung durch amerikanische Forschungsförderung erhalten. Ich war insgesamt 5 Jahre als Post-Doc in den USA.

Sie waren sowohl in den USA als auch in Frankreich tätig. Reicht es für einen Wissenschaftler aus, gut Englisch zu sprechen oder muss er auch fließend die Sprachen des jeweiligen Gastlandes sprechen können?
Für die Forschung reicht Englisch. Wenn man natürlich vor Ort in Frankreich ist und sich auch ein Brötchen kaufen möchte, dann ist Französisch sehr empfehlenswert. Ich bin zum Beispiel schnell an meine Grenzen gekommen, wenn es darum ging etwas in der Bank zu regeln. 

Wenn man in der Pflanzenforschung tätig sein möchte gibt es viele in Frage kommende Studiengänge wie Agrarwissenschaften, Biochemie, Biologie und Gartenbauwissenschaften. Wie wichtig ist die Studienwahl wirklich für den späteren Berufswunsch?
Bei dieser Auswahl würde ich sagen, dass es schon sehr wichtig ist. Bis zu einem gewissen Grad ist das noch durchlässig. Aber ein Studium der Biochemie unterscheidet sich natürlich fundamental von einem Gartenbau-Studium. Da lernen Sie völlig andere Ebenen des Wissensverständnisses und der Anwendungsgrade kennen. Wenn Sie vorher ungefähr Bescheid wissen, was Ihre Interessen sind, dann sollten Sie direkt das Fach ansteuern. Wenn man in Biochemie promovieren möchte, dann sollte man nicht unbedingt Gartenbau studieren. Dann wird der Übergang schon sehr schwer. Andersherum vielleicht genauso.


Ein gewisser Übergang von dem einen zum anderen Studienfach ist aber doch sicherlich noch möglich?
Ja, ich hatte auch schon einmal eine Doktorandin, die Gartenbau studiert hat und das sehr gut gemacht hat. Aber je nachdem welche Fächer man innerhalb dieses Studienganges belegt, gibt es halt mehr oder weniger Überschneidungen. Es ist schon nicht einfach. Es gibt zunehmend eine Diversifizierung auch z.B. in der Biologie. Sie finden dort ganz viele unterschiedliche Bereiche, die man studieren kann. Das zeigt schon, wie schnell sich unser Wissen vermehrt. 

Laut verschiedener Studien klagen Frauen darüber für Führungspositionen in der Naturwissenschaft mehr leisten zu müssen als Männer. Haben Sie dies ebenso empfunden?
Ich glaube nicht, dass ich das so empfunden habe. Ich überlege gerade, ob das tatsächlich so war. Ich denke schon, dass die Strukturen so waren, dass es für einen Mann einfacher war, innerhalb der geltenden Männerregeln sich eine Stellung zu erarbeiten. Für Frauen war das vor einigen Jahrzehnten noch wesentlich schwerer. 
In der Biologie ist das nicht mehr ganz so, weil wir relativ paritätisch aufgestellt sind. Es gibt sehr viele Frauen auch auf der Ebene von Professoren. Aber es ist ja heute Allgemeinwissen, dass in allen Gremien, in denen Männer dominieren, Männerregeln herrschen. Da kann eine Frau wenig ausrichten oder muss sich nach diesen Männerregeln richten.


Wären Sie für Frauenquoten?
Grundsätzlich würde ich eher zu „Nein“ tendieren. Aber ich glaube, dass sich manche Strukturen extrem schlecht aufbrechen lassen ohne Quoten. Ich würde jetzt gar nicht von der Biologie reden. Ich kenne andere Fachbereiche, wo es fast keine Frauen gibt und wo sich ohne eine solche Quote die Veränderungsrate einfach nicht schnell genug beschleunigt. Es dauert einfach viel zu lange und man könnte diesen gewünschten Zustand über Quoten sehr viel schneller erreichen. Das kann man in der Wirtschaft noch viel deutlicher sehen, wo tatsächlich Frauen in Führungspositionen die Ausnahme sind.
Wenn das hergestellt ist, dann kann man ja aufgrund dieser neuen Strukturen, dieser neuen Machtverteilung – und darum geht es ja – sehen, ob man auf die Quoten verzichtet und dann alles seinen Gang gehen lässt. 

Wieso würden Sie grundsätzlich eher auf Quoten verzichten wollen?
Jede Frau hätte natürlich gerne, dass sie aufgrund ihrer Qualifikation eingestellt wird und nicht aufgrund einer Quote. Das kann ja auch ein Makel sein. Aber ich denke, heutzutage haben wir lange genug Geduld gehabt, dass sich die Verhältnisse freiwillig ändern. Das tun sie in vielen Bereichen nicht so schnell und deshalb denke ich, dass man dort gezielt mal ein paar Quoten einführen könnte – zumindest vorübergehend. 

Stephanie von Below, die seit vielen Jahren Wissenschaftler auf den verschiedensten Karrierestufen coacht meinte "Fürs Vorwärtskommen wird gute Kommunikation, ein solides Selbstmarketing, Vernetzung sowie Fachkompetenz gebraucht". Welche Reihenfolge nach Wichtigkeit würden Sie diesen Punkten geben?
Idealistischer Weise würde ich die Fachkompetenz an Stelle 1 setzen. Ob das tatsächlich so ist, weiß ich nicht. Kommunikation kommt sicherlich auf Stelle 2; es hat auch etwas mit Vernetzung zu tun. Selbstmarketing würde ich auch aus idealistischen Gründen ans Ende setzen. Aber ich bin mir nicht sicher, ob das in der Realität so ist. Ich sehe zunehmend, dass sich junge Kollegen oder Kolleginnen extrem gut vermarkten können und das in den Vordergrund setzen. Ich würde mir schon wünschen, dass die Fachkompetenz nach wie vor das Wichtigste ist. Es gibt ja auch Menschen, die sich nicht so gut verkaufen können und die trotzdem Qualitäten haben. Es macht eben der Mix aus verschiedenen Charakteren plus Fachkompetenz aus, dass eine Mischung entsteht. Dieser Mix tut insgesamt der Forschungsszene gut. Es ist wichtig, dass man nicht nur eine Sorte Forschungsmensch hat, sondern eine Vielfalt.

Gab es eine Stufe Ihrer Karriere, wo Sie sich mehr Unterstützung von ihrer Universität gewünscht hätten?
Ich hätte mir damals mehr Unterstützung in der Phase der Habilitation und Anstreben einer Professur gewünscht. Wie geht man das am besten an? Das, was es heute zum Teil schon gibt wie Bewerbungs- und Kommunikationstraining oder einen Mentor, der sich wirklich um einen kümmert, das hat mir damals gefehlt. Ich denke, dass es schon viel besser geworden ist. Das gibt es auch hier an der CAU. Das halte ich für einen großen Fortschritt. Da geht es wirklich um etwas und jeder ist da wie so ein Pionier. Heute bin ich in der Situation, dass ich als Gutachterin Bewerber und Bewerberinnen vergleiche und man merkt einfach, ob jemand diese grundlegenden Dinge erfahren hat oder nicht. Das spiegelt sich auch in der Bewerbung wider. Über die Fachkompetenz hinaus können sich die einen gut – fast schon zu gut – verkaufen und die anderen vielleicht nicht ganz so gut. Ich denke, dass es eine richtige Entwicklung war diese Unterstützung anzubieten. 

Was war der beste Rat, den Sie je bekommen haben?
Ich weiß gar nicht, ob es ein Rat war, aber ich würde jedem empfehlen das zu studieren und das zu machen, was ihm am meisten Freude macht. Denn das, was man gerne macht, macht man gut und wenn man es gut macht, dann wird man belohnt und wenn man belohnt wird, macht man es noch viel lieber.  
Das ist der Rat, den ich weitergeben könnte. Am Anfang sollte man offen sein, es gibt viele Dinge, die man gar nicht kennt, und wenn man etwas gefunden hat, was einem Freude macht, dann sollte man das weiter verfolgen und da zum Spezialisten werden, zu der Person auf der Welt, die das am besten kann!

Liebe Frau Prof. Sauter, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.