Prof. Dr. Markus Bleich
"Ein vernünftig durchgeführtes Experiment liefert immer verwertbare Ergebnisse!"
Interview: Myria Schröder

Zur Person
Prof. Markus Bleich studierte Humanmedizin an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Er promovierte über Kaliumkanäle der Niere und habilitierte über die Transportmechanismen von Kochsalz im Darm. Im Anschluss war er als Leiter einer Gruppe tätig, die sich mit der Entwicklung von Medikamenten gegen Herzrhythmusstörungen und der Verhinderung diabetischer Spätschäden befasste. Prof. Bleich ist seit 2004 Professor für Physiologie und Direktor am Physiologischen Institut der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Seit 2006 ist er ebenfalls Mitglied im Exzellenzcluster "Ozean der Zukunft".
Sie forschen über die Physiologie von Epithelien. Worin liegt Ihr aktueller Forschungsschwerpunkt?
Unser Forschungsschwerpunkt besteht im Moment darin, dass wir zwischen den Epithelzellen die Claudine untersuchen.
Claudine sind Proteine, die den parazellulären Weg, also die Dichte oder Durchlässigkeit zwischen den Zellen, definieren. Sie bieten eine geschickte Möglichkeit, Stoffe und Wasser zu transportieren.
Während eines meeresbiologischen Forschungsaufenthaltes am Mount-Desert-Island Biological Laboratory in den USA stellten Sie vergleichende Beobachtungen von Sekretionsmechanismen im Verlauf der Evolution an. Inwieweit ist es wichtig, für die Erforschung eines Mechanismus auch seine Evolution zu verstehen?
Die Natur hat immer wieder geschickte Mechanismen entwickelt, um beispielsweise energiesparend Sekrete für die Stoffausscheidung oder Körpersäfte zu produzieren.
Diese Mechanismen wurden teilweise sehr früh entwickelt. Wir Menschen haben ähnliche Sekretionsmechanismen wie die Dornhaie. Für die Erforschung von Mechanismen lohnt es sich, bei anderen Spezies nachzugucken. So können sogenannte Modellorganismen gefunden werden, welche für manche Untersuchungen besser geeignet sind, als Warmblüter.

Wie motivieren Sie sich, wenn bei Versuchen keine verwertbaren Ergebnisse zustande kommen?
Die Sicht der nichtverwertbaren Ergebnisse ist oft die Sicht der Doktoranten oder der Studierenden…
… aber auch die Sicht der Publizierenden, oder?
Ja, schon. Es ist aber so, wenn ein Experiment vernünftig durchgeführt wird, dass es immer verwertbare Ergebnisse gibt, da Schlüsse ableitbar sind. Es ist natürlich nicht alles publizierbar. Publikation bedeutet in diesem Fall, eine Geschichte über etwas zu erzählen, was eigentlich einen Normalbefund darstellt und keinen neuartigen, überraschenden Befund. Das ist schwierig. Wir haben das Problem der nichtverwertbaren Ergebnisse aber selten.
Können Sie Ihre Ergebnisse also immer verwerten?
Ja, wir finden immer wieder Spannendes heraus, das uns weiterbringt und uns neue Ideen gibt. Wir waren insofern also noch nicht so häufig in der Situation, dass wir das Gefühl hatten, für die Tonne experimentiert zu haben.
Dann haben Sie das Problem der Demotivation gar nicht?
Wir haben eher das Problem, dass wir zu viele Ideen und Erkenntnisse gleichzeitig haben, sodass wir mit der Zeit gar nicht hinkommen.

Haben Sie sich für die Mechanismen von Ionenkanälen schon zu Beginn Ihres Medizinstudiums interessiert?
Wir als Mediziner sind schon sehr früh in Kontakt mit der Wissenschaft. Wir können schon während unseres Studiums mit der Forschung beginnen. So war es auch bei mir. Ich habe im fünften Semester nach einer Doktorarbeit gesucht und von da an war ich eigentlich immer mit der Wissenschaft in Kontakt. Letztendlich habe ich mich auch für eine wissenschaftliche Karriere entschieden.
Schon vor ihrer Promotion waren Sie an der Erstbeschreibung des Ionenkanals ROMK beteiligt, einem Ionenkanal, der in der Niere eine wichtige Rolle für die Harnkonzentrierung und Kaliumausscheidung spielt. Wie förderlich ist es für die wissenschaftliche Karriere, wenn man bei einer solchen Erstbeschreibung mit beteiligt ist?
Es ist sicher sehr förderlich. Die Promotion wurde bei mir auch sehr gut mit „summa cum laude“ bewertet. Das ist später für den Lebenslauf ein wichtiger Aspekt. Wichtig ist auch die zugehörige Publikation die, da es eine Erstbeschreibung war, auch sehr häufig zitiert wurde. Darüber hinaus braucht man aber auch ein gutes Umfeld und ein gutes Netzwerk, damit man dann auch sichtbar wird.
Ab wann sollte ein Student wissen, in welchem Fachbereich er sich spezialisieren möchte?
Das kommt auf die Fächer an. In der Medizin ist es so, dass man sich als Studierender mit der gesamten Medizin befassen sollte, um eine möglichst breite Basis aufzustellen. Während des Medizinstudiums gewinnt man über zahlreiche Praktika schon einen ganz guten Überblick, wie die verschiedenen Fachbereiche so arbeiten. In dieser Zeit gewinnt man dann Gefallen an bestimmten Fachrichtungen oder stellt bestimmte Fachrichtungen zurück. Irgendwann nach dem Abschluss des Studiums geht es um die Festlegung: Möchte man grundlagenwissenschaftlich forschen? Möchte man klinikwissenschaftlich forschen?
Da ist oft der Ort der Doktorarbeit und das dortige Umfeld richtungsweisend. Man gerät über die Doktorarbeit in ein Forschungsfeld hinein. Insofern sollte man seinem Gespür für das Thema, das einem am meisten interessiert freien Lauf lassen und gar nicht strategisch denken.
Sie promovierten über die Kaliumkanäle der Niere, habilitierten über Transportmechanismen im Darm und waren dann aber auch Leiter einer Gruppe, die sich mit der Entwicklung von Medikamenten gegen Herzrhythmusstörungen befasste. Inwieweit ist es möglich, während seiner Karriere die Forschungsrichtungen zu wechseln?
Das ist eigentlich gut möglich. Man braucht allerdings auch ein wenig Zeit. Inhaltlich braucht man vielleicht zwei Jahre bis man in das Thema sehr gut eingedacht ist, über Kongresse die entsprechenden Leute kennen gelernt hat und eigene Ideen in dem Forschungsgebiet entwickeln kann.
Das Gehirn arbeitet ja assoziativ und je größer die Anzahl der verschiedenen Bereiche ist, die man kennt, desto besser kann das Gehirn Neues generieren. Insofern sind Forschungsrichtungswechsel eigentlich befruchtend.

Wie ist es dazu gekommen, dass Sie von dem Bereich der Herzrhythmusstörungen wieder zu Ihrem vorherigen Forschungsthema gewechselt sind?
Es gibt nicht so häufig die Ausschreibung für eine Professorenstelle, die genau das eigene aktuelle Forschungsthema umfasst. Man schaut sich alle Professuren an, die man wissenschaftlich abdeckt. Insofern passte die Kieler Professur perfekt, auch wenn sie eher angeknüpft hat an etwas, das ich vier Jahre nicht mehr gemacht hatte.
Sie sind im Gleichstellungsausschuss der CAU Kiel tätig. Auf der Internetseite ist die Aussage von Ihnen zu finden, dass sich aus dem aktuellen Verständnis einer wissenschaftlichen Karriere Anforderungen ergeben, die neue Wege in der Personalentwicklung erfordern. Wie könnten solche Wege aussehen?
Das ist eine schwierige Frage, da es ein sehr komplexes Thema ist. Ich glaube, dass die moderne Personalentwicklung ein ganz neues Verständnis für junge Wissenschaftler und Ihre Karriereplanung entwickeln muss. Ich glaube, dass man früher viel naiver und viel unbedarfter in solche unsicheren Karrieren gegangen ist. Die Leute heutzutage sind darauf trainiert, Karrierechancen zu hinterfragen. Das führt bei der derzeitigen Personalpolitik in der Wissenschaft allgemein dazu, dass sich die klugen Köpfe oft gegen eine wissenschaftliche Karriere entscheiden, da der Nutzen und das Risiko nicht zusammenpassen.
Wie können denn die klugen Köpfe dazu gebracht werden, doch den „unsicheren Weg“ einzuschlagen?
Im Prinzip dadurch, dass wir den Beruf des Wissenschaftlers nicht nur als Karriereweg auf die Professur hin betrachten, sondern dass es ein breit gefächertes Spektrum von Beschäftigungsmöglichkeiten gibt, die auch unterschiedlich hohe Ansprüche und Anforderungen haben. Letztendlich sollte man zu jedem Zeitpunkt in der eigenen Karriere sehen, wo man selber steht und die Geschicke selber mit beeinflussen können. Wenn die Personalpolitik das erlauben würde, könnten sich junge Wissenschaftler von einer sicheren Beschäftigungsposition aus entwickeln und rechtzeitig Entscheidungen treffen, um ihren Talenten zu folgen: Leiten und Führen, im Team im Labor forschen, Anträge oder Publikationen schreiben, lehren oder mit Patienten arbeiten. Die Entscheidung umzusatteln ist positiv, wenn sie dann getroffen wird. Im Moment ist da noch Verbesserungsbedarf.
Wie erleben Sie die Gleichstellung der Geschlechter in Ihrem wissenschaftlichen Alltag?
Wir haben in meiner Abteilung im Moment mehr Frauen in der wissenschaftlichen Ausbildung als Männer. In der medizinischen Ausbildung sind die Frauen auch besser vertreten. Das Ganze bricht dann aber nach der Postdoc-Phase ein, bevor eine weiterführende Position an der Universität angetreten wird. Insofern haben wir in der frühen Phase ein inverses Problem, dass wir die Männer verlieren und später das alte Problem, dass eben Frauen unter der extremen Last der Doppelbeschäftigung mit Familie und Karriere früher die Reißlinie ziehen als Männer.
Die Strukturen bestimmen die Belastungen. Unsere Gesellschaft hat im Moment festgelegt, dass die Last von Familie und Karriere voll zu tragen ist, ohne zusätzliche Freiräume zu haben. Dementsprechend haben die Leute in der Phase zwischen Postdoc und vielleicht einer Tenure-Track Position harte Bedingungen. Das ist für Leute, die gerade dabei sind eine Familie zu gründen, einfach zu viel.

Werden Männer in manchen Bereichen der wissenschaftlichen Forschung auch benachteiligt?
Nein, ich glaube wir sind nicht in der Situation, dass Männer benachteiligt werden. Wir sind eher in der Situation, dass wir beispielsweise in der medizinischen Forschung Männer verlieren. Viele wollen sich das Risiko einer solchen Karriere nicht antun, wenn sie auf einer anderen, sicheren Position das Doppelte verdienen können.
Sie sind im Gleichstellungsausschuss, in der Lehre, als Jugendwart und in der Wassersportvereinigung Mönkeberg aktiv. Wie balancieren Sie die unterschiedlichen Tätigkeiten?
Das ist eine gute Frage. Weniger schlafen. (lacht)
Nein, man braucht ein relativ gutes Zeitmanagement und man muss auch aufpassen, dass die verschiedenen Sachen nicht zu kurz kommen. Wenn die Inhalte der verschiedenen Bereiche für einen hochmotivierend sind, dann entwickelt man auch Energien, die Dinge zu tun.
Was machen Sie außer Ihrer Tätigkeit als Jugendwart gerne in ihrer Freizeit?
Ich gehe natürlich selber gerne segeln, ich fahre auch gerne Rad und verbringe Zeit mit meinen Kindern.
Was war der beste Rat, den Sie je bekommen haben?
Der beste Rat war wahrscheinlich, auf die eigenen Fähigkeiten zu vertrauen und Dinge zu tun, die einem am meisten Freude machen und am meisten begeistern.
Lieber Herr Prof. Bleich, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
