Prof. Dr. Jörg Fromm
"Holz ist der wichtigste nachwachsende Rohstoff"
Interview: Myria Schröder und Johann Schröder

Zur Person
Prof. Jörg Fromm studierte Forstwissenschaften an der Georg-August-Universität Göttingen. Im Anschluss promovierte und arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an dem dortigen Forstbotanischen Institut.
Als Stipendiat des Heisenberg-Programmes hielt er sich unter anderem an der Cornell University, New York auf. 1996-2007 hatte er eine Professur für Angewandte Holzbiologie an der TU München inne, bis er 2007 an die Universität Hamburg wechselte und dort als Professor für Allgemeine Holzbiologie seitdem lehrt und forscht.
Sie forschen unter anderem zu Pflanzen-Ernährung, Stress-Physiologie und Holzschutz. Wie genau sehen ihre Forschungsprojekte aus?
Es gibt zwei Säulen: Einmal geht es um die Reaktion von Pflanzen auf den Klimawandel. Wir haben in Hamburg den Klimacluster, eine Exzellenzinitiative, in der es um die Frage geht, ob der CO2- Gehalt in der Atmosphäre noch begrenzt werden kann – und wenn ja, wie? Wir untersuchen hier eine mögliche Rolle der Bäume.
Die zweite Säule ist die Stressreaktion von Pflanzen auf verschiedene externe Faktoren wie z.B. Trockenstress und Nährstoffmangel.
Holzschutz ist eher ein Randthema, das jedoch im Holzbau, vor allem im Außenbereich, von großer Relevanz ist.
Welchen Einfluss hat die erhöhte CO2-Konzentration im Rahmen des Klimawandels auf das Baumwachstum und die Holzbildung?
Zunächst einmal einen positiven. Die meisten Bäume empfinden eine CO2-Konzentration bis etwa 1000 ppm als Dünger, vorausgesetzt alle anderen externen Faktoren wie z.B. Wasser- und Nährstoffversorgung sind optimal. Solche Experimente machen wir jedes Jahr im Gewächshaus. Wir haben die Möglichkeit Pflanzen mit CO2 zu begasen. In unseren Experimenten können wir Pflanzen maximal mit fast 1000 ppm CO2 begasen. Unter diesen Konzentrationen steigt steigt bei den bisher untersuchten Baumarten die Photosyntheserate an und die Jahresringbreite nimmt korrelierend zu.
Eine erhöhte CO2-Konzentration fördert also zunächst einmal die Phytosyntheserate. Aber ist dies auch bei erhöhter Trockenheit der Fall?
Wir haben festgestellt, dass gerade Bäume unter erhöhten CO2 – Bedingungen besser mit Trockenstress umgehen können. Bei Trockenstress machen die Bäume in der Regel engere Jahrringe. Unter erhöhtem CO2 und gleichzeitigem Trockenstress nimmt die Jahrringbreite jedoch nicht so stark ab wie unter normalen Bedingungen.
Haben Bäume heutzutage mehr Stress als früher und wie wirkt sich der Stress physiologisch am Baum aus?
Es kommt immer darauf an, um welchen Stress es sich handelt. Es gibt viele Stressfaktoren. Diesen Sommer hatten die Bäume vor allem Trockenstress. Wir konnten sehen, dass bei vielen Bäumen sich schon viel früher als gewöhnlich das Laub verfärbte und Wachstumsprozesse stark reduziert wurden. Heutzutage sind die Bäume häufiger Klimaextremen wie Dürreperioden und Stürmen ausgesetzt als früher.
Über den CO2-Anstieg, der mit Beginn der Industrialisierung eingesetzt hat, herrscht doch eine ziemlich große Übereinstimmung bei den Forschern, dass er anthropogen erzeugt wurde.

Gewächshaus Bergedorf
Wir machen sehr viele elektrophysiologische und ökophysiologische Messungen wie z.B. Gaswechselanalysen. Wir ernten natürlich auch Material und untersuchen das mikroskopisch am Licht- und Elektronenmikroskop sowie biochemisch im Labor. Molekularbiologisch analysieren wir eher weniger.
Ein weiteres Themengebiet sind die Nichtholzprodukte, also Produkte des Waldes mit Ausnahme von (Baum) Holz. Ist das nicht widersprüchlich, da sie doch eine Professur für Allgemeine Holzbiologie haben?
Gute Frage. Sehe ich nicht so. Ich sehe mich eher als Baumbiologe. In der Holzbiologie geht es auch viel um lebende Pflanzen und lebende Bäume. Ich mag auch NTFPs (Non-timber-forest-products, Nichtholzprodukte), insbesondere die sogenannten Multipurpose-Trees. Da gehört beispielsweise der Walnussbaum dazu: Man kann die Nüsse essen, aber gleichzeitig liefert der Baum auch sehr wertvolles Kernholz. Ein anderes Beipiel ist die Edelkastanie, die wertvolles, dauerhaftes Holz sowie die eßbaren Maronen liefert. Gerade der NTFP-Markt liegt stark im Trend, weil oft auch im pharmazeutischen Bereich in den Regenwäldern Substanzen entdeckt werden, die von einem gewissen Interesse für die Medizin sind.
Wie sieht unser Wald in 100 Jahren aus?
Das hängt davon ab, wie es mit dem CO2-Gehalt in der Atmosphäre und der Temperaturerwärmung weiter geht. Es gibt verschiedene Szenarien. Eigentlich bin ich Optimist und denke, dass wir Menschen es schon irgendwie schaffen werden den Temperaturanstieg global in den Griff zu kriegen. Viele unserer Bäume sind mehr oder weniger klimatolerant. Die Buche zum Beispiel, unsere Hauptlaubbaumart, kommt auch in Italien und Südschweden vor. Da haben wir schon ein ziemlich großes klimatisches Spektrum. Ich denke, dass es die Buche noch geben wird, selbst wenn wir eine 2°C hohe Erwärmung bekommen werden. Eine Baumart, die vermutlich nicht mehr im Flachland auftreten wird, wird die Fichte sein, da sie es eher kalt und feucht mag. Wenn die Sommer wärmer und trockener und die Winter milder werden, wird die Fichte vermutlich Probleme bekommen. Bäume werden auch wandern, wir werden aus Südeuropa mehr Arten bekommen, die nach Norden wandern, wie beispielsweise die Esskastanie. Andere Baumarten, denen es in Norddeutschland zu warm und trocken wird, werden aus dem Flachland verschwinden. Diese wurden oft aber auch fälschlicherweise hier einmal angepflanzt.
Gaswechsel
Ich glaube, dass die meisten Bäume bis zu einem CO2-Gehalt von 1000 ppm immer wachsen werden. Das wird nicht das Problem sein. Es ist zu hoffen, dass der CO2-Gehalt nicht über 1000 ppm in den nächsten Jahrzehnten steigen wird. Wir müssen eben die richtigen Schritte einleiten wie z.B. Verzicht auf Braunkohle und Förderung alternativer Energien. Dann wird es auch keine gravierenden Unterschiede geben.
Welche wirklichen Alternativen gibt es denn zu Holz?
Sicher nur wenige, denn Holz ist der wichtigste nachwachsende Rohstoff. Ich bin nicht gegen die Holznutzung. Nur die Art und Weise wie es häufig passiert gefällt mir nicht. An Holznutzung ist nichts verkehrt, wenn man sie nur schonend für das Ökosystem vollzieht. Zum Beispiel im sogenannten Plenterwald, ein sich ständig verjüngender Wald, in dem Bäume aller Dimensionen vermischt sind. Einzelne kann man entnehmen und so einen permanenten Hochwald erzeugen. Es sollte kein Kahlschlag betrieben werden. Der Plenterwald ist somit ein bewirtschafteter Forst mit mehreren Baumarten.
Holz ist einfach der wichtigste nachwachsende Rohstoff , den wir bei nicht allzu gravierenden Klimaänderungen auch in Zukunft haben werden. Alleine in den borealen Wäldern sind enorme Vorräte, die ja auch schon genutzt werden. Der Wald sollte jedoch nicht als Holzfabrik angesehen werden. Der Wald hat viele Funktionen, wie z.B. Lebensraum für zahlreiche Tierarten oder Erholungsfunktion für den Menschen. Der rein ökonomische Blick darf aus meiner Sicht nicht im Vordergrund stehen. Wir haben hier in Deutschland Umtriebszeiten in der Forstwirtschaft im Mittel zwischen 80 und 120 Jahren. Dann werden die Bäume geerntet. Da fängt die Buche im Bestand gerade erst an zu blühen, nur freistehende Bäume blühen i.d.R. früher. Generell lässt man die Bäume aus meiner Sicht nicht alt genug werden. Viele Baumarten werden ein paar 100 Jahre alt, die Eiche oft über 500 Jahre. Alte Bäume sind ökologisch sehr wichtig. Man findet dort viel mehr Insekten und Spinnenarten sowie Bodenorganismen als bei jungen Bäumen. Alte Bäume machen auch immer noch ihre Jahresringe und sind daher wichtige CO2-Speicher.

Elektrophysiologische Messung
Ich fühlte mich eigentlich immer sehr naturverbunden. Die Bäume, der Wald an sich hat mich immer schon fasziniert. Im Wald herrscht ein anderes Mikroklima und man fühlt sich schnell im Gleichgewicht. Das hängt sicherlich auch damit zusammen, dass ich aus dem Stadtrand komme und eher im ländlichen Bereich aufgewachsen bin. Ich komme ursprünglich aus Göttingen. Dort konnte man Forstwissenschaften studieren und die Uni hatte und hat einen sehr guten Ruf. Da lag es nahe Forstwissenschaften zu studieren. Biologie wäre auch eine Möglichkeit gewesen, aber Baumforschung findet meist an forstwissenschaftlichen Instituten statt.
In welchem Bereich wollten Sie damals arbeiten?
Wenn man Forstwissenschaften studiert macht man auch ein Praktikum. Im Praktikum wird man mit den Prozessen aus dem Forstbetrieb vertraut gemacht. Danach war mir klar, dass das nicht mein Ding ist. Ich bin dann zunächst in der Forstbotanik der Uni Göttingen gelandet, wo ich promoviert, habilitiert und mich später auf Holz spezialisiert habe. Während des Studiums lernt man natürlich auch Leute kennen und orientiert sich dann in die Richtung, die einem am meisten liegt.
1992 hatten Sie einen Forschungsaufenthalt an der Cornell Universität in New York, USA. Wann ist denn der beste Zeitpunkt, um einem Aufenthalt im Ausland zu haben?
Wenn man während des Studiums schon einmal die Gelegenheit hat ein Auslandssemester zu machen, sollte man das machen. Wenn man vor hat in der Wissenschaft zu arbeiten, ist es sehr wichtig, für ein halbes oder ein Jahr im Ausland gearbeitet zu haben. Unsere Studenten gehen nach dem Studium meistens in die Holzindustrie. Dann ist ein Auslandsaufenthalt nicht so wichtig wie im Forschungsbereich.
Man kann auch nach dem Studium oder nach der Promotion ins Ausland gehen. Entscheidend für den Lebenslauf ist, das man es gemacht hat.
Sie waren Heisenberg-Stipendiat der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Was für einen Tipp würden Sie jungen Studenten geben, wie sie an ein Stipendium kommen könnten?
Als ich Stipendiat war, war das fast die schönste Zeit meines Lebens. Ich hatte für vier Jahre das Glück, dieses Stipendium von der DFG bekommen zu haben. In dieser Zeit war ich auch in den USA. Das war eine ganz wichtige Phase, da ich auch eine gewisse Freiheit hatte, mir Institute auszusuchen und dort zu arbeiten. Natürlich musste man vorher anfragen, ob man willkommen ist. Meist war man das aber. Erwartet wurde hauptsächlich, dass man finanziert ist und eine gewisse Motivation mitbringt. Ich würde allgemein DFG-Stipendien und solche vom Deutschen Akademischen Austauschdienst empfehlen.

Querschnitt Pappelstamm
Der boreale Wald. Die Birke ist mein Lieblingsbaum. Die borealen Wälder finde ich vor allem nördlich von Stockholm sehr schön, obwohl die Baumartenzahl relativ gering ist. Es gibt ungefähr sieben Gattungen. Im Gegensatz zu den Tropen ist das recht arm, aber die Atmosphäre im Norden ist besonders schön.
Mögen Sie dann auch Birkenholz besonders gerne?
Birke war früher eine Baumart in den deutschen Wäldern, die man nicht besonders schätzte, weil das Holz auch nicht so wertvoll ist. Es ist eher eine Pionierbaumart. Aber heute findet man sie, gerade in Norddeutschland, schon recht häufig. Birke liefert neben dem Holz auch viele andere Non Wood Products, wie z.B. das Birkenwasser oder der Birkenporling, ein wichtiger Pilz mit antibiotischer Wirkung, der v.a. früher als Arzneimittel gehandelt wurde. Die lebende Birke hat einfach so eine besonders schöne Ausstrahlung.
Was war der beste Rat, den sie je bekommen haben?
Wahrscheinlich der Rat: "Mach einfach weiter!". Gerade im Studium liegen einem manche Fächer mehr oder weniger gut. Da kommt es schon mal vor, dass man vor einigen Prüfungen nicht so motiviert ist. Meine Mutter sagte damals zu mir: "Geh einfach hin, tu mir den Gefallen." Das war sehr wichtig für mich.
Lieber Herr Prof. Fromm, wie danken Ihnen für dieses Gespräch.
