Prof. Dr. Jörg Ganzhorn
"Bei uns kann man mit den Studenten gut und heftig diskutieren!"
Interview: Myria Schröder 

Zur Person
Prof. Jörg Ganzhorn studierte Zoologie, Pflanzenphysiologie, Mikrobiologie und Geographie an den Universitäten Tübingen, Duke University und Michigan State University. Er war sowohl während seiner Promotion, als auch als Assistent an der Universität Tübingen tätig. Von 1993-1997 leitete er die Abteilung Verhaltensforschung und Ökologie am Deutschen Primatenzentrum. Auf eine Vertretungsprofessur an der Universität Marburg von 1996-1997 folgte die Professur für Tierökologie und Naturschutz an der Universität Hamburg, welche Prof. Ganzhorn seit 1997 inne hat.
Können Sie Ihr Forschungsprojekt einmal kurz beschreiben?
Wir arbeiten hauptsächlich auf Madagaskar. Unsere grundlegende Forschungsfrage ist: Wie kann man am besten Naturschutz, wirtschaftliche Entwicklungen und das Wohl des Menschen kombinieren? Anders ausgedrückt: Wie kann man die Natur schützen ohne den Menschen einzuschränken? Um diese Frage zu beantworten, versuchen wir zunächst einmal das Ökosystem zu verstehen. Wodurch funktioniert es? Wodurch ist es limitiert? Dann versuchen wir Konstellationen zu finden, mit denen diese Systeme und Arten nicht geschädigt werden, aber dass die Menschen nebenher auch noch gut leben können.

Wieso ausgerechnet Madagaskar? Wieso nicht ein anderes Biodiversitätsgebiet, wie beispielsweise die Karibischen Inseln oder die Philippinen? 
Es ist immer ein bisschen Zufall, wohin es einen verschlägt. Ich habe während meiner Doktorarbeit in einem Primatenzentrum in den USA gearbeitet, die nur Primaten aus der Madagaskar hatten. Als Folge möchte man dann natürlich dort auch einmal hin und sich das Land anschauen. Madagaskar ist eines der weltweiten Hotspots der Biodiversität.
Madagaskar ist insofern noch ein bisschen spannender als viele andere Gebiete, weil Madagaskar eine Insel ist, die seit mindestens 90 Millionen Jahren vollständig isoliert ist. Vor etwa 65 Millionen Jahren gab es einen großen Meteoriteneinschlag, welcher zu dem Aussterben der Dinosaurier geführt hat. Dieser Einschlag traf auch Madagaskar und als Folge kam es zu einem großen Artensterben. So mussten die allermeisten Tier- und Pflanzengruppen die Insel neu besiedeln. Einzelne Individuen haben sich auf der Insel zu neuen Arten entwickelt. Madagaskar kann man damit als einen kleinen, experimentellen Kontinent verstehen, wo man die Evolution von wenigen Arten nachvollziehen kann. Der Vorteil von Madagaskar gegenüber anderen Inseln ist, dass die Landmasse für die Entwicklung aller Tiergrößen, also auch großer Raubtiere, ausreicht. 


Wie viel Zeit verbringen Sie jeweils im Jahr in Madagaskar oder in Deutschland? 
Mittlerweile verbringe ich wenig Zeit in Madagaskar. Früher verbrachte ich etwa 50 % meiner Zeit in Deutschland und 50 % in Madagaskar. Wenn man lehrt wird das natürlich automatisch weniger. Betreue ich ein aktives Projekt, dann fliege ich zwischen drei und fünfmal im Jahr nach Madagaskar und das jeweils für ein bis drei Wochen. 

Als Konsequenz waren Sie, vor allem früher, viel mit dem Flugzeug unterwegs. Das Flugzeug ist jedoch mit Abstand das umweltschädlichste Verkehrsmittel - ist das nicht widersprüchlich zu dem Anspruch die Natur zu schützen? 
Doch völlig. Vor allem wenn man sich anschaut, wo und wie diese großen Naturschutzkonferenzen abgehalten werden. Wenn man bedenkt, dass für einige der riesigen Kongresszentren mitten in Mangrovenwälder gebaut wurden, dann ist das Ganze natürlich nicht richtig nachhaltig. Man macht vermutlich dann mehr kaputt, als man wieder herstellt. Wir machen zwar eine Kosten-Nutzen-Rechnung, aber wir berechnen nie alle Kosten. Ein Beispiel ist der Biokraftstoff: Ursprünglich wurde der Alkohol für den Biokraftstoff aus Ernteabfällen gewonnen. Mittlerweile werden die Ausgangsstoffe explizit dafür angebaut. Viele Kosten werden hier gar nicht in Betracht gezogen, wie beispielsweise die Kosten für den Benzintransport und für den Bau des speziellen Treckers. Ein ähnliches Beispiel sind die Solaranlagen.

Die Projekte, in denen Sie mitwirken, sind Gemeinschaftsprojekte von verschiedenen Institutionen – sogar verschiedenen Ländern – Wie können sich die vielen Wissenschaftler, die als Folge mit beteiligt sind, einigen?
Die Arbeitsgruppen sind in der Regel so zusammengestellt, dass sie Synergien entwickeln, so dass man also verschiedene Expertisen und Meinungen im gleichen Projekt hat. Es gibt oft nicht die Wahrheit und nicht nur die Lösung- speziell beim Umweltschutz.
Die Leistung in einem Kooperationsprojekt ist meist nicht die Leistung eines Einzelnen. Dies führt manchmal zu Spannungen, insbesondere unter Doktoranten. Sie brauchen einen Leistungsnachweis, der sich meist in Form von Autorenrängen bei Publikationen ausdrückt. Deshalb ist es wichtig von Anfang an klare Absprachen zu treffen, wer für welchen Bereich federführend ist. Dann klappt es gut. 


Jedes Jahr werden in Madagaskar Studenten bei ihren Diplom- und Doktorarbeit betreut. Unterscheiden sich die madagassischen Studenten von den deutschen?
Ja. Einerseits ist der Ausbildungsstand unterschiedlich. Vor allem im technischen und theoretischen Bereich sind unsere Studenten besser ausgebildet, als die Studenten aus Madagaskar. Die madagassischen Studenten helfen uns aber die sozioökonomischen Bereiche vor Ort zu erfassen. Sie sprechen die Landessprache. Wenn die madagassischen Studenten sich hier aufhalten, gelingt es ihnen diese Lernlücken in kurzer Zeit aufzuholen. Sie müssen jedoch erst einmal dazu ermutigt werden auch dem Professor ihre Meinung zu sagen. Madagaskar war französische Kolonie und in Frankreich besteht eine sehr viel strengere Hierarchie im akademischen Bereich als bei uns. Dort würde sich wahrscheinlich ein Student nie trauen dem Professor zu widersprechen. Bei uns kann man mit den Studenten gut und zum Teil auch heftig diskutieren. Dieses Selbstbewusstsein müssen die madagassischen Studenten erst lernen. 

Was glauben Sie, war Ihr größter Erfolg?
Als Erfolg würde ich werten, dass viele der Leute in Madagaskar, die wir ausgebildet haben, jetzt in Positionen sind, wo sie ihrerseits wiederum Leute ausbilden und wo sie die Werte, die wir versucht haben zu vermitteln, auch weitergeben. Das halte ich für den größten Erfolg eines Lehrenden: Dass man die Leute so motivieren kann, dass sie die Inhalte für gut halten, ihre eigenen Ideen entwickeln und diese Werte dann weitergeben. Ein schöner Erfolg ist, dass viele unser analphabetischen lokaler Helfer vor Ort innerhalb von wenigen Jahren zuverlässig und gut mit Daten und Rechnern umgehen können. Eine Gruppe von diesen Leuten hat nun eine eigene Naturschutzgruppe gegründet. Es ist ein schöner Erfolg, wenn man die Entwicklung von Viehhirten sieht, die nicht lesen und schreiben konnten, hin zu Menschen, die versuchen ihren Lebensraum nachhaltig zu schützen. 

Was war Ihr größtes Scheitern?
Es ist der tägliche Forscheralltag, Experimente auszuführen, zu schauen, schaut ob sie funktionieren und aus denen zu lernen. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie funktionieren ist nicht hoch. In den allermeisten Fällen stimmt es nicht, wie man es sich vorgestellt hat. Das ist völlig in Ordnung. Das darf man einfach nicht persönlich nehmen, sondern man muss seine Experimente variieren. Die allermeisten Wissenschaftler sind einfach neugierig. Sie wollen wissen, wie etwas funktioniert. Für sie ist die Erkenntnis, dass etwas nicht so funktioniert genauso interessant, wie die Erkenntnis, dass etwas so funktioniert. Die größten Rückschläge sind zu sehen, dass trotz immensem Aufwand Projekte im Bereich des Naturschutzes von einigen wenigen einfach zerstört werden. 


Glauben Sie, dass sich in dieser Mentalität noch etwas ändern wird? 
In Madagaskar glaube ich das nicht. Dazu wächst die menschliche Bevölkerung dort viel zu schnell. Es braucht nicht viel, um Schaden anzurichten. Wenn Sie zehn Menschen haben, die es gut meinen und einen, der sich ihnen entgegen stellt, dann zerstört der eine, was die anderen zehn aufgebaut haben. Das ist ein ubiquitäres Problem.

Kommen wir zu Ihrem Studium: Sie studierten unter anderem an der Universität Tübingen und der Duke University. Wo hat es Ihnen am besten gefallen?
Tübingen ist eine schöne, schwäbische Kleinstadt. Ich glaube, dass man da gut lernt zu arbeiten. Die Arbeitseinstellung ist einfach eine besondere und es herrscht eine gewisse Leistungserwartung. In Duke war prima, dass die Professoren individuell auf die einzelnen Studierenden sehr viel mehr eingehen, als bei uns. Dort hat ein Professor ein bis drei Doktoranten. Bei uns ist die Lehrbelastung einfach viel höher. Das liegt auch daran, dass in den USA die Studenten sehr viel mehr Geld für ihr Studium bezahlen müssen, als hier in Deutschland. Damit ist die Bindung zu den Professoren viel enger und sie kümmern sich mehr um die Studenten. Dies wird bei so hohen Studiengebühren teilweise auch erwartet. Diese kleinen Kurssysteme machen auch ganz viel mit der Motivation der Leute.
Bei uns hat man die Ausgangssituation völlig missverstanden, wenn man fordert, das amerikanische System zu imitieren. Da werden immer Top-Universitäten wie Havard herangezogen, aber das ist nicht nur so, als würden Äpfel und Birnen verglichen, sondern Äpfel und Kieselsteine. 


Wie können junge Menschen herausfinden, ob sie im Fachbereich Tierökologie und Naturschutz arbeiten wollen?
Es muss Spaß machen und man muss das wollen. Man kann nicht davon ausgehen, dass man in diesem Bereich viel Geld verdient und man darf das nicht als Beruf sehen, sondern als Berufung. Naturschutz und Tierökologie sind beides sehr weitreichende Felder. Naturschutz ist mittlerweile sehr eng mit Genetik, Molekularbiologie und Toxikologie verbunden. Ich würde auch so weit gehen zu sagen, dass keiner der Naturschützer (und wahrscheinlich sonst auch niemand) wirklich weiß, was zum Beispiel Plastik eigentlich für Konsequenzen hat. Dazu braucht man Expertise außerhalb der eigentlichen Naturschutzinteressen. Da Natur eigentlich immer in Konflikt mit wirtschaftlichen Interessen steht, hat Naturschutz auch einen wirtschaftlichen Aspekt. 
Bei Tierökologie kommt es natürlich immer darauf an, was man darunter versteht. Versteht man darunter, dass man sich sehr gut mit Tiertaxonomie auskennt? Versteht man darunter, dass man nach draußen geht und Tiere beobachtet? Dieses Wissen darf nicht verloren gehen. Es ist wichtig, dass es Menschen gibt, die die verschiedenen Pflanzen bestimmen können. Vor allem in diesem Bereich gibt es jetzt wieder einen großen Markt.

Was war der beste Rat, den Sie je bekommen haben?
Man sollte das machen, was einem Spaß macht. Wenn man 40 Jahre im Beruf steht und Dinge machen muss, die man eigentlich gar nicht möchte, dann wird es zur Qual. Lieber nicht auf das Geld schauen. Der andere Rat, den man auch beherzigen sollte, ist: Sei anständig zu den Menschen. Man hat vielleicht irgendwann mehr zu sagen als andere, aber man sollte nie vergessen, dass letztendlich alle gleich sind. 

Lieber Herr Prof. Ganzhorn, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.