Prof. Dr. Thomas Becker
"Wenn einer eine Reise tut, dann kann er etwas erzählen!"
Interview: Myria Schröder

Zur Person
Prof. Becker promovierte an der Klinik für Herz- und Thoraxchirurgie in Düsseldorf und war danach sowohl an der Chirurgie der Medizinischen Hochschule Hannover als auch an der Chirurgischen Universitätsklinik des Knappschaftskrankenhauses Bochum tätig. Er habilitierte sich in Hannover über das Thema Organprotektion und Spenderkonditionierung. Er ist einer der führenden Spezialisten für Lebertransplantationen.
Prof. Becker ist seit 2010 als Direktor der Klinik für Allgemeine Chirurgie und Thoraxchirurgie des Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) in Kiel tätig.
Herr Prof. Becker, wie sind Sie eigentlich Chirurg geworden?
Der Wunsch Arzt zu werden war relativ früh da. Schon während der Schulzeit habe ich mich für Medizin interessiert. Das liegt auch daran, dass ich selber mehrmals ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen musste und auch Operationen hatte. Als kleiner Junge fand ich das alles sehr spannend und aufregend. Ich habe mich dafür begeistert, weil ich es als sehr positiv empfand, sich für Menschen einzusetzen und die Gesundheit wieder herzustellen. Das ist ein sehr dankbare Aufgabe und wenn man dann so einen Beruf erlernen darf und umsetzen kann, ist das eine sehr befriedigende berufliche Perspektive.
Sie waren an verschiedenen Universitätskliniken, in Düsseldorf, Bochum, Hannover und sind jetzt in Kiel tätig. Gehört es zu dem Beruf dazu, an viele verschiedenen Kliniken zu arbeiten?
Die Ausbildung eines Arztes, das lange Studium, die Facharztausbildung mit Spezialisierung ist ein langer Weg. Ich glaube, es sinnvoll unterschiedliche Ausbildungsstätten kennenzulernen, weil man damit auch unterschiedliche Methoden kennenlernen kann. Ich denke auch, dass es sinnvoll ist, flexibel zu sein. Aber natürlich kann man seine Ausbildung an einem Ort absolvieren und wird genauso ein guter Arzt. Aber ich glaube, dass die Flexibilität grundsätzlich den Ärzten mitgegeben sein sollte.
Sie arbeiten während Ihrer Operationen teilweise mit dem sogenannten DaVinci-System, bei dem der Operateur an der Konsole sitzt und über Roboterarme operiert. Welche Vorteile bietet diese Technik?
Es ist eine Weiterentwicklung der minimalinvasiven Chirurgie. Sie bietet den Vorteil noch präziser und gewebeschonender zu operieren, weil das System noch bessere Optiken, Vergrößerungsmöglichkeiten und noch feinere Instrumente hat und Freiheitsgrade bietet, die wie natürliche Handbewegungen sind. Wir in unserer Abteilung sind in gewisser Weise Vorreiter in dem wir neue Operationswege und Operationsverfahren schrittweise etablieren, die den Patienten dann zugute kommt. Als Anwender dieser Systeme geben wir auch den Firmen in projektbezogenen Fragestellungen ein Feedback, damit diese Methoden noch besser werden können.
Operieren Sie lieber konventionell mit der Hand oder roboterunterstützt?
Grundsätzlich operieren wir sehr gerne mit diesem Robotersystem, weil wir von diesen Vorteilen überzeugt sind und wir mittlerweile schon eine sehr große Erfahrung und Routine in der Anwendung haben. Aber wie immer in der Medizin ist die Auswahl der richtigen Patienten und der spezifischen Erkrankungen wichtig, dass diese Methoden sach- und zielgerichtet eingesetzt werden. Es ist nicht so, dass jede Operation mit diesem Robotersystem durchgeführt werden kann. Aber mittlerweile können wir ein wahnsinnig großes Feld an Indikationen damit abdecken. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir uns schrittweise weiterentwickeln werden.
Mir ist ein Punkt wichtig, den ich vielleicht auch in der ersten Frage nicht gut adressiert habe: Man meint ja laienhaft, dass der Roboter die Operation durchführt – aber das stimmt gar nicht. Das ist ein sogenanntes „Master-Slave-System“, d.h. das, was der Operateur an Bewegungen an der speziellen Konsole vorgibt, wird nur über rechnergestützte Roboterarme umgesetzt. Der Operateur ist also immer noch der Arzt. Man kann demnach nicht wie bei einer Waschanlage auf einen Knopf drücken und dann wird irgendetwas automatisch gemacht. So weit sind wir noch nicht. Aber es ist sicherlich die Eintrittskarte, dass wir demnächst vielleicht sogar kleine Teilschritte einer Operation automatisiert, aber immer unter ärztlicher Kontrolle und mit der Möglichkeit jederzeit eingreifen zu können, durchführen können. Man kann sich das ähnlich wie in einem Flugzeug vorstellen, welches auch automatisch über den Ozean fliegt, aber der Pilot und Kopilot jederzeit bereit sind bei Abweichungen zu reagieren. So könnte man sich das für die Zukunft vorstellen.
Also glauben Sie nicht, dass der menschliche Operateur durch Roboter ersetzt werden kann?
Nein! Das geht auch rein rechtlich gar nicht. Es ist nicht so wie in der Industrie, wenn ein Auto oder ein anderes Produkt hergestellt wird - das werden wir nicht haben. Aber diese Systeme werden zunehmend eine Hilfestellung für uns Ärzte sein Dinge präziser und in der gleichen Qualität durchzuführen und v.a. auch die Ausbildung der jungen Ärzte strukturierter und modulartig für komplexe Operationen gestalten zu können.
Wo wir gerade bei den Vorteilen waren - welche Nachteile sehen Sie an dem System?
Nachteile sind in erster Line betriebswirtschaftlicher Art. Diese Systeme sind sehr teuer. Die Unterhaltskosten und Instrumente sind teuer. Und natürlich sehen wir noch Nachteile, dass nicht alles das, was in der offenen und konventionellen laparoskopischen Chirurgie sehen, jetzt schon so umsetzbar ist, weil die Instrumentenentwicklung an der einen oder anderen Stelle noch nachhinkt. Aber ich denke, dass sich das in den nächsten Jahren weiter fortentwickeln wird und z.B. auch Ersatzinstrumente auf den Markt kommen werden.
Würden Sie sich selber mit dem DaVinci-System operieren lassen?
Ja, zu 100 Prozent, wenn die Indikation stimmt.
Im Rahmen der sogenannten Lindbergh Operation saß 2001 der Operateur Prof. Jaques Marescaux in New York an seiner Konsole während sich seine Patientin tausende Meilen entfernt in Frankreich im Operationssaal befand. Werden in Zukunft deutsche Patienten von günstigeren Operateuren beispielsweise von Indien aus operiert?
Ich glaube nein. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass wir in einem Flächenland Hilfestellungen aus großen Zentren geben könnten, weil wir nicht überall die Expertise mit den entsprechenden Fallzahlen vorhalten können. Krankenhäuser müssen sich weiter vernetzen, so dass Hilfestellungen für kleinere Krankenhäuser möglich sind. Das Robotersystem bietet ideale Voraussetzungen, da man diese Bilder eins zu eins sehr schnell digital überall sichtbar machen kann. Man kann sich gut vorstellen, dass ein erfahrener Operateur einem anderen Operateur, der nicht vor Ort sein muss, eine Hilfestellung gibt, wie man eine Operation einfacher und weniger gefährlich an einer bestimmten Stelle durchführen kann.
Die Medizin hat in den letzten Jahren einen Wandel durch Technisierung, Ökonomisierung und Bürokratisierung erfahren. Macht es überhaupt noch Spaß Chirurg zu sein?
Ja, aber manchmal leiden wir auch sehr. Gerade die Bürokratisierung ist etwas, dass in unserem Arztberuf gerade zugenommen hat und auch sehr viel Zeit verschwendet, die wir lieber den Patienten zu Verfügung stellen würden.
Können Sie sich denn Alternativen vorstellen?
Durch die sogenannte Digitalisierung erhoffen wir uns ja alle, dass wir Arbeitserleichterungen haben. Die Realität ist aber, dass die Digitalisierung in den Krankenhäusern noch nicht so vorangeschritten ist, so dass wir im Alltag noch nicht diese Arbeitserleichterung haben. Das hat unterschiedliche Gründe, wie zum Beispiel das die Systeme vielleicht nicht so anwenderfreundlich sind. Aber es werden natürlich auch von Seiten des Gesetzes immer mehr Auflagen gesetzt, die zu beachten sind. Das alles ist ein Summenspiel, das letzten Endes die Bürokratisierung eher hat steigen lassen, als dass es eine Erleichterung war.
Wie schafft man es bei einem so zeitintensiven und verantwortungsvollen Beruf dass die Lehre nicht zu kurz kommt?
Wir versuchen natürlich alle unsere Zeitkontingente weiter strukturiert zu halten. In meiner Klinik ist es auch so, dass Ausfall von Lehre eigentlich gar nicht vorkommt. Da wird eher mal eine Operation abgesagt. Als Universitätsklinik sind wir verpflichtet unsere Aufgabe in der Lehr zu 100 Prozent wahrzunehmen.
Bin ich mit der Qualität der Lehre immer zufrieden? Nein, ich glaube, da ist der Zeitdruck auch ein wesentlicher Faktor. Man versucht natürlich zu coachen, frühzeitig junge Leute in einen Teilbereich mitzunehmen, zu begleiten, die Begeisterung hochzuhalten. Aber ich glaube, insbesondere in den operativen Fächern hat es sich gezeigt, dass man durch mitlaufen und mitschauen, durch Hilfestellungen auch als junger Student, als Assistent schrittweise chirurgische Fähigkeiten lernt und auch die Faszination dieses Berufes atmosphärisch mitkriegt.
Über den hohen NC ist der Anteil an Frauen auf über 80% im Medizinstudium gestiegen. Sollte eine Männerquote eingeführt werden?
Ah, eine politische Frage. Aber wir müssen uns dieser Herausforderung stellen, dass immer weniger Männer in den Arztberuf eintreten möchten. Statistisch ist es so, dass Männer eine längere Lebensarbeitszeit haben als Frauen, da Frauen natürlich Kinder kriegen und häufig in Teilzeitstellen tätig sind. Ob wir eine Männerquote brauchen, weiß ich nicht genau. Man kann das fordern, ich glaube aber, dass die reine NC-Auswahl sicher unzureichend dafür ist, junge motivierte Studenten auch außerhalb eines guten NCs gute Ärzte werden zu lassen.
Welche alternativen Bewerbungsmechanismen halten Sie denn für richtig?
Es gäbe ja zwei Ansätze. Das eine ist, dass man zunächst einmal in Form eines einjährigen medizinisch-naturwissenschaftlichen Grundstudiums Defizite ausbessert. Durch Eingangstests hätten dann alle die gleiche Chance in ein Studium der Medizin einzusteigen. Das andere, was ich im Rahmen des Pflegenotstandes bevorzugen würde, ist, dass ein freiwilliges soziales Jahr eine höhere Anerkennung kriegt, da es ein Dienst an der Gesellschaft ist. Ich glaube, dass so etwas noch mehr in die Auswahl von Medizinstudenten mit einfließen könnte.
Würde die Abiturnote dann ganz außen vor gelassen werden?
Ich glaube, dass die Abiturnote immer noch wichtig ist. Die Abiturnote zeigt, dass sich junge Menschen, die ein sehr gutes Abitur haben, motiviert durch die Schule gequält haben und auch sehr leistungsbereit sind. Wir brauchen in Medizin auch die Vielfalt der Talente. Wir wollen auch gute Naturwissenschaftler, gute Forscher in der Medizin haben. Nur mit einem schlechten Abitur ist man nicht gleich auch ein guter Arzt.
Was für Fähigkeiten erwarten Sie von einem PJ-Studenten?
Das er Spaß an seiner Arbeit hat. Das er das, was er theoretisch in seinem Studium erlernt hat auch schrittweise praktisch umsetzen kann. Das er bereit ist sich stetig zu entwickeln. Das er strukturiert ist und dass er einfach in der Abteilung, wo er angestellt ist, mitdenkt und auch seinen Teil der Verantwortung in einer Patientenbehandlung sieht.
Wie wichtig sind Auslandsaufenthalte vor oder nach dem Studium für Ärzte?
Ein Auslandsaufenthalt ist sicher immer persönlich bereichernd, alleine auch dass man sich mit einer Sprache auseinandersetzt. Es ist auch bereichernd, dass man andere Systeme kennenlernt und sieht wie Medizin in anderen Ländern organisiert wird. Ist es ein unbedingtes Muss? Das würde ich nicht unbedingt sagen. Aber wenn man eine universitäre, medizinische Laufbahn anstrebt, ist ein Auslandsaufenthalt sicher nicht karrierehinderlich, sondern eher förderlich.
Waren Sie denn im Ausland?
Ich war auch im Ausland. Im Studium war ich in England und habe dort Famulaturen gemacht. Ich war während meines PJ-Studiums in dem Cleveland Klinikum, in den USA und war sehr fasziniert wie dort hochprofessionelle Medizin in einem riesigem Klinikum gut organisiert wird. Ich habe im Rahmen meiner Weiterbildung auch Auslandsaufenthalte in England, USA, Japan, Korea und anderen Ländern gehabt. Ich habe mich natürlich mit ausländischen Kollegen ausgetauscht, mir spezielle Operationstechniken im Ausland angeguckt. Es ist immer so: Wenn einer eine Reise tut, dann kann er etwas erzählen, es bereichert und man bringt immer etwas Neues mit in die Klinik. Auch meine Oberärzte haben Möglichkeiten sich durch externe Reisen an bestimmten themenbezogenen Projekten weiterzubilden. Es bringt eine ganze Abteilung weiter.
Was war der beste Rat, den Sie je bekommen haben?
Auch wenn’s mal schwierig wird eine gewisse Gelassenheit zu behalten - nach dem Motto „Es wird schon wieder!“.
Lieber Herr Prof. Becker, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
